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28.09.2012

Berliner Morgenpost: Auch böse Menschen haben Lieder

Die Menschheit – ein Gesangsverein? Bei Christoph Marthaler hatte man diesen Verdacht schon immer.

Was sich mit Worten nur unzureichend sagen lässt, wird bei ihm gesungen, und auch jetzt wieder raunt und flüstert es, spinnen sich Melodien und Texte wie von Ferne her in den Vordergrund, Schlager, Choräle und Soldatenlieder. Am Schluss erklärt Pianist und Schein-Dirigent Clemens Sienknecht aus dem Orchestergraben heraus eine Arkadien-Utopie: "Wir haben keinen Staat mehr, wir bilden nur mehr einen Gesangsverein!" Eine ironische Pointe in unserer dauerkriselnden Gegenwart, wo selbst Europa wieder auseinanderdriftet. Schon bei Ödön von Horváth war das so gemeint, in seinem Romanfragment "Himmelwärts", was Marthaler ans Ende seiner langen, nämlich dreieinhalbstündigen "Glaube Liebe Hoffnung"-Inszenierung stellt, die nach der Juni-Premiere bei den Wiener Festwochen nun an der koproduzierenden Volksbühne läuft. Die lehrt, dass böse Menschen sehr wohl Lieder haben. Horváths "kleinen Totentanz in fünf Bildern" von 1932 weitet Marthaler zu einem Sittengemälde aus, in dem das Ungeheuerliche ungeheuer komisch und das Entsetzliche entsetzlich lächerlich ist.

Gleich zwei Elisabeths schickt er auf den Passionsweg, die reifere der Olivia Grigolli und die naivere der Sasha Rau: Verzweifelt versuchen sie, sich in Krisenzeiten eine Existenz aufzubauen, zerbrechen aber an einer seelenlosen Gesellschaft.

Marthaler betont das Exemplarische des Falls und packt die Tragödie mit Szenenwiederholungen und sonstigen Dehnübungen in Watte. Während in der Doppelung Elisabeths Konturen verschwimmen, sie zur idealen Projektionsfläche wird, rücken die Nebenfiguren in den Vordergrund. Es ist eine beschädigte Gesellschaft, der noch Krieg und Korpsgeist in den steifen Gliedern steckt. Wenn sie von "alten Kameraden" singt und vom "lachenden Glück, das da vorüberschwebt", täuscht das nur kurz darüber hinweg, dass sie Glaube, Liebe, Hoffnung jedoch längst an den Nagel gehängt hat.

Alt ist diese Generation, grau und grimmig: Fast die gesamte Marthaler-Familie steht auf der Bühne, die natürlich Anna Viebrock gestaltet hat, ein skurriles Schau- und Hörfest der Knarz-Stars. Sie sind begnadete Anatomen jener Sätze, die Horváth dem Volksmaul abgelauscht und zur bitterbösen Kunstsprache zugespitzt hat. Wie Jean-Pierre Cornu die weinerliche Gutmenschigkeit seines Präparators zur Kenntlichkeit verzerrt und Ueli Jäggi seinen Schupo in die Unerträglichkeit zerdehnt, das sprüht vor abgründigen Loriot-Pointen ebenso wie Irm Hermanns verkniffene Frau Amtsgerichtsrätin, Josef Ostendorfs kühler Herrenmensch mit Kinderstimme und Bettina Stuckys spitzzüngige Krisengewinnlerin. "Er meint es nicht so, er ist ein Original" sagt der Präparator einmal, was unbedingt auf die gesamte Truppe zutrifft: Gerade weil sie nicht meinen, was sie sagen, weil ihr Gefasel von Mitleid und Pflicht nichts weiter ist als der Wunsch, alles möge so bleiben, wie es ist, erweist sich Marthalers und Horváths zwerchfellerschütternder Witz als ein rabenschwarzer.


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