Archiv Referenzen

26.09.2012

Berliner Morgenpost: Sturz des Kanzlers Willy Brandt als lustige Schlagerrevue

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner inszenieren "Demokratie"

Plissierte Wandbespannungen und Vorhänge, natürlich. Die gingen in den 1960ern immer, ob in Ost oder West. Auf der Bühne des Deutschen Theaters erinnern sie zugleich an die Kulissenhaftigkeit der Haupt- und Staatsaktionen. Schließlich lassen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner keinen Zweifel daran, dass ihre Erzählung vom Aufstieg und Fall Willy Brandts nur ein (Macht-)Spiel ist.

Was bei Michael Frayns Stück „Demokratie“ einerseits nicht schaden kann, schließlich treten in seiner dramatischen Aufarbeitung der Bundespolitik zwischen 1969 und 1974 historische, teils noch lebende Figuren auf. Die historischen Eckpfeiler stimmen, der genaue Wortlaut allerdings ist zumeist erfunden. Andererseits drücken Kühnel und Kuttner, die am gleichen Ort schon „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ inszenierten, derart auf die Theatertube, dass man sowieso nie auf den Gedanken kommt, genau so müsse es gewesen sein und nicht anders, damals, als Willy Kanzler der Herzen war und Günter Guillaume sein von der DDR gesandter Schatten.

Denn die beiden Regisseure machen aus dem Polit-Stück, das bei seiner deutschsprachigen Erstaufführung am Renaissance-Theater 2004 noch ein Aktenkoffer-Thriller war, ein deutsch-deutsches Playback-Musical. Was immerhin den Vorteil hat, dass die rein männlichen Protagonisten nicht am drögen Staub der Geschichte ersticken. Wenn Brandt das erste Mal den Saal betritt, natürlich durchs Parkett, singt Hilde Knef „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Die Kamera (ein schön altmodischer Kasten) überträgt in Großaufnahme auf die Bühne, wie Felix Goeser sich durch die Stuhlreihen drückt, Blumen an die Damen verteilt und zwischen der stummen Lippenakrobatik breit in die Kamera grinst.

Doch bald geht einem die lustige Schlagerparade zwischen „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ und „König von Deutschland“ auf den Keks. Natürlich hat es oft Witz, wie der Text die Szene kommentiert. Aber ebenso oft unterbrechen die Lieder den Spannungsbogen, degradieren Männer, die Deutschlands Geschichte prägten, zu Clowns in Anzügen. Überhaupt ist die Inszenierung eher locker gestrickt: Als neuer, nur mäßig schlüssiger Rahmen muss eine Stasi-Ehrung von Guillaume herhalten, später wird noch der FDP-Koalitionswechsel 1982 von der SPD zur CDU drangepappt.

Ja, es gibt starke Momente: Einmal lagert die Bonner Führungsriege entspannt und plaudernd mit einer Flasche Wein auf der Bühne wie Goethe in Italien. Dann wieder raunt sie unterm Vorhang chorisch vom Misstrauensvotum gegen Brandt – da blitzt kurz die griechische Tragödie hervor. Und wenn Brandt und Wehner auf Norwegisch Schuberts „Fremd bin ich eingezogen“ singen, markiert das berührend ihren Exilanten-Außenseiterstatus.

Salopp skizzieren die Schauspieler hier ihre historischen Vorbilder hin: Hier eine Elblotsenmütze, dort ein gelber Pullunder, da eine Pfeife (und jede Menge Perücken), schon steht das Bonner Personal. Goesers Charmebolzen muss man lieben, diesen großen Jungen, der da plötzlich Weltpolitiker ist. Daniel Hoevels’ Guillaume jedenfalls tut es, ein fahriger Judas, der seinem Chef so auffällig hinterher und um ihn herum zappelt, dass auch die letzte Reihe kapiert, wer hier der Spion ist – zumal er sich regelmäßig mit seinem Kontaktoffizier in einer fahrbaren, holzvertäfelten Verschwörungszelle trifft. Aber auch alle anderen stehen in Brandts Schatten, Andreas Döhlers verdruckster Helmut Schmidt, der zwar Kanzler, aber nicht Königsmörder sein will und Bernd Stempels widerborstiger Herbert Wehner, ein melancholisch verhärmter Strippenzieher.

Was das uns, den Nachgeborenen, soll? Im Gegensatz zu heute wurde damals wenigstens noch Politik gemacht, behauptet Kuttner in einer kabarettistischen Einlage. Eine Erkenntnis, die in dieser mit dreieinhalb Stunden überlangen Maxi-Playback-Show zu oft untergeht.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung