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18.09.2012

Nürnberger Nachrichten: Sinnenbetörender Marathon mit Monteverdi

Was für ein Spektakel: 12 Stunden lang alle drei erhaltenen Monteverdi-Opern hintereinander, acht Stunden davon reine Musik. In einer Zeit, da sich die Opernhäuser landauf landab mit der "Ring"-Tetralogie für Richard Wagners 200. Geburtstag rüsten, eröffnet die Berliner Komische Oper unter ihrem langjährigen Regiestar und neuen Intendanten Barry Kosky mit einer Verbeugung vor dem Ursprung des europäischen Musiktheaters.

Und das beginnt hier wie Wagners „Rheingold“ mit einem Urton, lang und dunkel vibrierend, bevor sich die markanten Blechfanfaren erheben. Verbürgt ist das nicht bei Monteverdi, sondern bei Elena Kats-Chernin, die die Opern auf Grundlage des überlieferten Materials neu komponierte. Sinnvoll ist das insofern, als es keine verbindlichen Notentexte gibt – jede Aufführung muss sich ihr Material erst zusammenstellen und orchestrieren. Warum da nicht gleich den Spagat ins Heute suchen?

Vor allem im „Orpheus“, 1607 uraufgeführt, gelingt das mit großer Besetzung, ordentlich Schlagwerk und einer fetzigen Continuo-Gruppe – hier stimmt der Drive. Überhaupt ist „Orpheus“ die knackigste der drei Opern, kurz und effektvoll. Unter Koskys Regie wird auch szenisch ein Coup draus: In einem hypertrophem Paradiesgarten tanzen und tollen Satyrn und Nymphen, Orpheus und Eurydike sind mitten unter ihnen. Vögel sirren auch durchs Halbrund des Parketts, die Musik scheint von allen Seiten zu tönen – ein alles umarmendes Dolby-Surround-Theater.

Das natürlich letztlich vom exzellenten Chor lebt, von den Tänzern, vom Puppenspieler, bei dem Orpheus und Eurydike zu Symbolen der Menschenkreatur schlechthin werden. Aber dieser Trilogie-Auftakt wäre nur halb so stark ohne Dominik Köningers Orpheus. Sein warmer Bariton betört vom ersten Ton an und hört nicht auf zu strömen, wenn der junge Mann mittanzt und –springt. Herzzerreißend seine Klage nach dem Tod der Geliebten, beeindruckend die echten Tränen.

Da kann auch Amor nicht helfen, verschmolzen aus den Figuren Musik und Hoffnung. Er ist das verbindende Glied auch zu „Odysseus“ und „Poppea“. Peter Renz trippelt als Knabe mit grell geschminktem Greisengesicht durch die Szene, kommentiert anfangs teilnehmend, später zunehmend gleichgültig (da dann als grandiose Marlene-Dietrich-Travestie) das Geschehen. In „Odysseus“ kann er immerhin einer Familienzusammenführung beiwohnen, wenn auch der kriegstraumatisierte Held und seine vom Warten geschädigte Penelope wohl nie mehr ein Traumpaar abgeben werden. Kosky inszeniert das als etwas spannungsarmes Method-Acting auf schräger Rasenfläche mit Schwank-Einschub, als die Freier vorgeführt werden. Zwingend vor allem Günter Papendells Odysseus, der körperlich wie stimmlich die Muskeln spielen lässt. Nach einer Aufwärmungsphase dreht auch Ezgi Kutlu wirkungsvoll Hysterie und Schmerz ihrer Penelope auf – die Mezzosopranistin gehörte in den ersten zwei Theiler-Jahren zu den vielversprechendsten Ensemble-Mitgliedern.

Aber Amor wandelt (sich) weiter: Aus der reinen, schlichten „Orpheus“- und der treuen, aber komplizierten „Odysseus“-Liebe sind in „Poppea“ fiese Sex- und Macht-Geschichten geworden. Hier ist die Welt bis auf ein paar Felsbrocken trist und leer, die Nymphen und Satyrn des Beginns mutieren zur dekadenten Meute aus Fellinis „Satyricon“-Verfilmung. Es wird vergewaltigt, geblendet und gemordet, was die Regietheaterkiste hergibt: So trieben es die alten Römer. Während um sie herum die Menschen fallen, bekommt Poppea am Ende ihren Kaiser Nero – und eins der schönsten Liebesduette der Musikgeschichte, das bei Brigitte Geller und Roger Smeets irdisch klingt, ehrlich. Da sind die Leichen von Helene Schneidermanns verbitterter Octavia, Theresa Kronthalers Otho und Julia Giebels Drusilla (alle gleichermaßen sehens- wie hörenswert) schon abgeräumt. Danach hat man erst mal die Nase voll von der dummen Liebe, die derart mitleidlos unter den Menschen wütet.

Aber nicht vom Chor, der herrlich singt, und nicht vom Orchester unter dem unermüdlichen André de Ridder, das an- und aufgeregt zusammenspielt, improvisiert und immer wieder Platz macht für Exotisches wie Synthesizer, Oud und Banjos. Was nicht immer so zugespitzt komponiert ist, dass man auf der vorderen Stuhlkante sitzen müsste. Aber doch in vielen Momenten den alten Monteverdi ziemlich frisch klingen lässt – Tango und Pop inklusive. Nach den zwölf Stunden ist man trotz der Pausen (und der ordentlich aufgestockten Gastronomie) erst mal vollkommen erschlagen. Aber dann beginnt es im Kopf wieder zu singen, das große Monteverdi-Rauschen beginnt – vielleicht der schönste Nebeneffekt dieses audiovisuellen Überforderungsmarathons.

 


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