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05.10.2012

Berliner Morgenpost: Schlosspark Theater nach Dirk Bachs Tod in Existenznot

Intendant Dieter Hallervorden ist nicht nur in tiefer Trauer, er muss auch um sein Haus bangen

Vor dem Schlosspark Theater, unter dem Glaskasten, in dem die Vorschauen hängen und seit Montag auch die Todesmeldung von Dirk Bach, stehen Blumen. Menschen haben dem Schauspieler letzte Grüße aufgeschrieben, etwa "Danke Dirk, wir werden dich vermissen". Drinnen betretene Gesichter bei dem Intendanten Dieter Hallervorden, seinem Regisseur Lorenz Christian Köhler und dem Schauspieler Matthias Freihof, die jetzt sagen müssen, wie es ohne Bach mit Axel Hackes "Der kleine König Dezember" weitergeht – morgen hätte eigentlich die Premiere sein sollen.

Es ist ein schwieriger Moment, für sie persönlich – und für das Haus. Natürlich erinnern sie alle an Bach, den Schauspieler und Menschen. Hallervorden erzählt von den Proben, von der "grandiosen schauspielerischen Leistung, getragen von einer Persönlichkeit, die alle Facetten dieser Rolle perfekt bediente." Auch Köhler betont, dass Bach nicht nur ein großartiger Komiker, sondern auch ein großer Schauspieler war: "Die Tiefe, die ich von seinen Hörbüchern kannte, hat sich bei den Proben absolut bestätigt". Freihof berichtet, wie nahe sich die beiden auf den Proben gekommen seien, und ergänzt: "Es tut unglaublich weh." Auf der Facebook-Seite des Schlossparkt Theaters hat er einen kurzen, bewegenden Nachruf veröffentlicht, dem er eigentlich nichts hinzufügen will. Da heißt es, fassungslos: "Vor 'n paar Stunden hab ich Dir noch gesagt, dass ich noch nie in meinem Leben so gerne zu Theaterproben gegangen bin. Und jetzt, du Herz, kommst Du einfach nicht mit Deinem Mini um die Ecke gefahren!"

Niemand habe etwas von Dirk Bachs gesundheitlichen Problemen bemerkt, "sonst hätten wir reagiert", sagt Christian Köhler. "Natürlich sind die Proben für ein Zwei-Personen-Stück sehr intensiv, da ging’s uns allen mal nicht so gut." Matthias Freihof erzählt von der anstrengenden Arbeit: "Abends waren wir kaputt, aber glücklich." Beide sind im selben Jahr, 1961, geboren. "Natürlich haben wir auch über unsere Wehwehchen gesprochen. Bei den Medikamenten, die bei ihm gefunden wurden, waren auch welche dabei, die ich nehme." Man spürt, wie nahe ihm dieser Tod geht.

Allerdings muss die Show weitergehen für das Theater – "Der kleine König Dezember" steht bis Silvester 31 Mal auf dem Programm. Wenn an diesen Terminen nichts stattfinden würde, dann "müssten wir zumachen", sagt Hallervorden. "Wir schwebten ohnehin nicht über allen Wolken. Diese Situation stellt alles auf den Kopf". Dem Schlossparktheater geht es nicht so richtig gut: Obwohl Pressesprecher Harald Lachnit von einer "gesunden Steigerung" spricht, lässt sich nicht kleinreden: Anders als die großen subventionierten Theater ist das Steglitzer Haus zum Erfolg verdammt. Zumal zum Jahresende, traditionell die Zeit der besten Auslastung, darf nichts schiefgehen.

Und nun? "Der kleine König Dezember", dieses moderne Märchen für Erwachsene und Kinder über die existenziellen Fragen des Lebens (und Sterbens), soll gespielt werden, vielleicht sogar schon ab Ende Oktober. "Schon Montag Abend waren wir uns alle einig, dass ein Weiterführen der einzig richtige Weg ist", sagt Köhler, "und zwar im Sinne und zu Ehren Dirk Bachs". Aber geht das überhaupt, Bach zu ersetzen? Hallervorden formuliert es so: "Wünschenswert wäre, dass jemand aus Bachs engstem Freundeskreis sich bereit erklärt, Dirk Bach zu Ehren den kleinen König Dezember so auf die Bühne zu bringen, wie er es sicher gewollt hätte."

Eine Gedenkveranstaltung in Serie also mit jemandem, dem man die Bach-Hommage auch abnimmt. Man wolle allerdings niemanden "angraben", zumal nicht zu diesem Zeitpunkt. Ein mit Bach befreundeter Schauspieler, der sich einfach mal so meldet? Harald Lachnit spricht von einer "großen Hilfsbereitschaft", die nach Bachs Tod eingesetzt habe, von Anrufen von überall her.

Das Problem: Alle großen Künstler sind auf Monate, wenn nicht auf Jahre hinaus ausgebucht. Und wenn sich niemand findet, auch auf eigene Suche hin nicht? "Dann müssen wir ganz etwas anderes machen", sagt Dieter Hallervorden. Es klingt nicht wie ein Plan B, sondern wie das Prinzip Hoffnung.


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