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03.10.2012

nachtkritik.de: Das Spiel um die bürgerlichen Kataströphchen

"Ihre Version des Spiels" – Stephan Kimmig setzt bei seiner Uraufführung des neuen Yasmina-Reza-Stücks Corinna Harfouch in Großaufnahme

Es gibt einen schönen Moment, in dem Corinna Harfouch zu Alexander Khuon sagt: "Die Zweigesichtigkeit des Schriftstellers, viele hätten das so sagen können ... ich muss an Trigorin denken, in der 'Möwe', erinnern Sie sich?" Natürlich spricht die Schriftstellerin Nathalie Oppenheim diese Worte, natürlich sind sie an den Bibliothekar Roland Boulanger gerichtet. Aber die meisten, die in der Premiere von Yasmina Rezas jüngstem Stück "Ihre Version des Spiels" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters sitzen, wissen, dass Harfouch nebenan auf der großen Bühne die Arkadina spielt, Khuon den Trigorin und dass ihr Regisseur dort, Jürgen Gosch, wiederum Reza-Stücken Tiefe verlieh, in Hamburg "Ein spanisches Stück" inszenierte, in Zürich Gott des Gemetzels, am Deutschen Theater "Im Schlitten Arthur Schopenhauers" – letzteres bereits mit Corinna Harfouch. Sie war es auch, die sich Reza ausdrücklich für die neue Uraufführung gewünscht hat.

Nach Nebelkerzen-Strickart

Ziemlich verwirrend, diese Bezüge, aber in der Art ist "Ihre Version des Spiels" gestrickt – lauter Ebenen, Masken, Verweise, pendelnd zwischen Realität und Fiktion. Im Zentrum steht Nathalies Lesung aus "Das Land des Überdrusses", ihrem Roman, in dem eine Schriftstellerin ein Mordkomplott gegen die Geliebte ihres Mannes plant. Deren jüngstes Buch heißt "Ihre Version des Spiels", wiederum ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Michael Herr.

Diese Lesung jedenfalls wird von Roland anmoderiert, Bibliothekar und Organisator der Literaturreihe, die ehrgeizige Kulturjournalistin Rosanna versucht, mit ihren aufs Persönliche zielenden Fragen die scheue Schriftstellerin in die Ecke zu treiben. Immer wieder dreht sich so die Diskussion um die Frage, wie viel vom Schreibenden selbst in seinen Texten steckt. Details blitzen auf, Zitate und Bezüge, die eine Poetologie Rezas bilden könnten, die dritte Autorin im Versteckspiel. Aber bei all den gezündeten Nebelkerzen bleibt sie so diffus wie die Roman-im-Stück-Handlung.

Provinzielle Fragestunde

Was also tun mit der hübschen Insider-Petitesse, halb Prosa, halb Fernsehspiel, die Reza routiniert in die bürgerlichen Kataströphchen treibt? Auf die Tube drücken, was sonst! Stephan Kimmig versucht eine Strategie zwischen Hyperrealismus und theatraler Überdosis. Oft hat man den Eindruck, dass beim Heran- und Wegzoomen an die einzelnen Charaktere Unschärfen entstehen, Vergröberungen, Nebengeräusche, die durchaus beabsichtigt sind.

Zum einen wohnen wir als Publikum in der Provinz-Mehrzweckhalle der Lesung bei, Häppchen, die von Diskussionsrunden unterbrochen werden; die kurzen Szenen davor erleben wir als Zaungäste zwischen dem verwaisten Parkett und den Amphitheaterreihen auf der Bühne, die danach, die Kimmig zur kleinen Afterparty zusammenzieht, als Schlüsselloch-Voyeure. Quälend langsam etabliert Kimmig die Fragestunde: An drei Tischen mit Mikrofonen und Wasser sitzen Journalistin, Schriftstellerin und Bibliothekar, zwischen denen die Chemie nicht stimmt – lauter falsche Töne, in den Stimmen, Gesten, Übertragungsgeräuschen.

Eine Kamera doppelt die langen Lesepassagen; übergroß wirft sie Nathalies Gesicht auf die Leinwand. Was Harfouchs Schriftstellerin noch stärker irritiert, als es die Situation und die aggressiven Schlüsselloch-Fragen der Karrieristin neben ihr ohnehin schon tun. Wie Reza selbst will sie nicht darüber reden, wie viel Biografisches in ihren Texten steckt, will vor allem nicht darauf reduziert werden. Sie blickt missmutig, später zermürbt, umklammert nervös ihr giftgelbes Brillenetui, versucht, ihr Gesicht mit der Hand abzuschirmen, flieht auch einmal nach vorn, Richtung Publikum, verkrampft, verhaspelt sich, liest viel zu schnell mit bröckelnder Stimme. Von links verbeißt sich Katrin Wichmanns kulturjournalistische Bulldogge in sie, von rechts speichelt ihr Alexander Khuons Büchermensch-Karikatur hilflose Plattitüden als mögliche Auswege hin. Dann kommt – wir sind in Frankreich – natürlich Wein ins Spiel, die bürgerlichen Masken fallen, Harfouch braust auf, giftet zurück, eine melancholische Furie, die nichts zu verlieren hat.

Das geschickte Spiel mit den Erwartungen

Obwohl Nathalie bei Kimmig wiederholt versucht, die Veranstaltung zu verlassen, dehnen sich Lesung und das anschließende Backstage-Besäufnis eine Weile, was Sven Lehmann zu einem schön großspurigen Auftritt als Nathalie zutextender Bürgermeister verhilft. Hier treibt Kimmig die Geschichte in "Gott des Gemetzels"-Extreme, Roland fällt im Suff über Nathalie her, statt ihr aufzuhelfen, übergibt sich später, alle singen Gilbert Bécauds Nathalie – komische Melancholie, als wär’s ein Stück von Tschechow, die Kimmig ähnlich krachern inszeniert wie seinen Kirschgarten, was eine schöne Fallhöhe ergibt zur leisen Schlusspointe.

Allerdings ist Reza nicht Tschechow, "Ihre Version des Spiels" nicht "Gott des Gemetzels", Kimmig nicht Gosch. Warum diese Kleinigkeit dennoch auf Wochen ausverkauft ist? Wegen Corinna Harfouch, sicherlich. Und wegen des geschickten Spiels mit den Erwartungen.


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