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08.10.2012

Die Welt: Neuer König dringend gesucht

Nach Dirk Bachs Tod ist die Lage für sein Theater prekär

Am Wochenende hätte im Berliner Schlosspark-Theater Premiere von Axel Hackes "Der kleine König Dezember" sein sollen. Die Lichter blieben aus, denn Dirk Bach, der die Titelrolle übernehmen sollte, lebt nicht mehr. Auf den Plakaten vor dem Theater blickt er noch kindlich-freundlich seinen Kollegen Matthias Freihof an.

Freihof sitzt nun mit Regisseur Lorenz Christian Köhler und Intendant Dieter Hallervorden im Foyer und sagt: "Es tut unglaublich weh!" Auf der Facebookseite des Schlosspark-Theaters hat er einen bewegenden Nachruf veröffentlicht, dem er nichts hinzufügen will. Da heißt es, fassungslos: "Vor ’n paar Stunden hab ich Dir noch gesagt, dass ich noch nie in meinem Leben so gerne zu Theaterproben gegangen bin. Und jetzt, du Herz, kommst Du einfach nicht mit Deinem Mini um die Ecke gefahren!"

Auch Intendant und Regisseur würdigen Bach: Hallervorden erzählt von den Proben, von der "grandiosen schauspielerischen Leistung, getragen von einer Persönlichkeit, die alle Facetten dieser Rolle perfekt bediente." Köhler betont, dass Bach nicht nur Komiker, sondern auch ein großer Schauspieler war: "Die Tiefe, die ich von seinen Hörbüchern kannte, hat sich bei den Proben absolut bestätigt."

In die aufrichtige Trauer mischt sich allerdings die Sorge ums Theater: "Der kleine König Dezember" steht bis Silvester 31-mal auf dem Programm. Wenn an diesen Terminen nichts stattfinden würde, dann "müssten wir zumachen", sagt Hallervorden. "Wir schwebten ohnehin nicht über allen Wolken. Diese Situation stellt alles auf den Kopf."

Dem Schlosspark-Theater im bürgerlichen Bezirk Steglitz geht es nicht so richtig gut, und seine Situation nach Bachs Tod steht stellvertretend für die prekäre Lage vieler Privattheater. Nach dem Krieg spielten hier Stars wie Klaus Kinski, Ernst Deutsch und Hildegard Knef, als Teil des West-Berliner Staatstheaters wurde es 1993 abgewickelt und seitdem von wechselnden Eigentümern bespielt. 2008 übernahm es Hallervorden, der in Berlin auch die Kabarett-Bühne Die Wühlmäuse leitet.

Sein Ausspruch "Hier soll mein Geld begraben werden" scheint sich zu bewahrheiten. Obwohl das kleine Haus immer wieder Produktionen stemmt, bei denen Stars, Boulevard und Anspruch nicht im Widerspruch stehen (wie "Achterbahn" mit Robert Atzorn und "Besuch bei Mr. Green" mit Michael Degen) und Pressesprecher Harald Lachnit von einer "gesunden Steigerung" spricht, hat die Leitung offenbar mit einer höheren Auslastung gerechnet. Seit dieser Spielzeit wird das Haus mit einer überschaubaren Summe vom Berliner Senat unterstützt. Dennoch ist es zum Erfolg verdammt – zum Jahresende, traditionell die Zeit der besten Auslastung, ist man auf jede Vorstellung angewiesen.

Deshalb muss "Der kleine König Dezember", dieses moderne Märchen für Erwachsene und Kinder über die existenziellen Fragen des Lebens (und Sterbens), gespielt werden. "Schon Montagabend waren wir uns alle einig, dass ein Weiterführen der einzig richtige Weg ist", sagt Köhler, "und zwar im Sinne und zu Ehren Dirk Bachs." Aber geht das überhaupt, Bach zu ersetzen? Zumal der Schauspieler wie die Idealbesetzung von Hackes "kleiner König" wirkte, klein, voluminös, gummibärchenverrückt, erfrischend kindlich und tiefsinnig.

Hallervorden formuliert es so: "Wünschenswert wäre, dass jemand aus Bachs engstem Freundeskreis sich bereit erklärt, ihm zu Ehren den kleinen König Dezember so auf die Bühne zu bringen, wie er es gewollt hätte." Eine Gedenkveranstaltung in Serie sozusagen mit jemandem, dem man die Hommage abnimmt. Man wolle allerdings niemanden "angraben". Ein mit Bach befreundeter Schauspieler, der sich einfach so meldet? Lachnit spricht von einer "großen Hilfsbereitschaft", die nach Bachs Tod eingesetzt habe, von Anrufen von überall her.

Schon in dieser Woche soll ein Name verkündet werden. Und wenn sich niemand findet? "Dann müssen wir ganz was anderes machen", sagt Hallervorden. Es klingt nicht wie ein Plan B, sondern wie das Prinzip Hoffnung.


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