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09.10.2012

Berliner Morgenpost: Reden über Idealismus und die Revolution

Ein Spektakel in der Berliner Schaubühne

Eben noch rappte der Chor auf Deutsch und Englisch von der Schlechtigkeit der Welt, da fragt einer von ihnen, wer die Erde beherrscht. Er erzählt von der dekadenten Wandbespannung in einer Londoner Investment-Bank und von einem Banker der UBS, der erst jüngst wieder eine Unsumme verzockte. Die Lösung? Das Geld abschaffen! Sofort beginnt er, einen 20-Euro-Schein abzufackeln und fordert das Publikum auf, es ihm gleichzutun. Da platzt einem jungen Zuschauer der Kragen. Ihm sei diese Argumentation zu billig: "Warum könnt ihr nicht einfach das Stück spielen?"

Der junge Mann ist Student der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und natürlich Teil der Inszenierung an der Schaubühne, wo die Revolution ausgebrochen scheint, ausgerechnet im bürgerlichen Charlottenburg: Ellenlang und legendär ist der Stücktitel: "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade". 1964 uraufgeführt, lässt Weiss den Revolutionsführer Marat und den Intellektuellen de Sade antagonistisch aufeinanderprallen. Hier der Vor-Marxist, der die Gewalt als notwendiges Übel rechtfertigt, dort der zynische Weltbürger, der in der Revolution keinen Sinn mehr erkennen kann. Drumherum die Nebenfiguren, zugleich Insassen der titelgebenden Irrenanstalt, die das Ganze als Historienspektakel aufführen.

Diesen Rahmen ersetzt Peter Kleinert, der Leiter der "Ernst Busch"-Regieabteilung, durch eine Schauspielschüler-Probe. Ein Gerüst an der halbrunden Betonwand markiert mögliche Handlungsorte und lässt außerdem viel Platz für gekritzelte Parolen.

Sebastian Schwarz leitet sie als selbstzufriedener Regisseur de Sade, der in seinem Wollust-Überschuss durchaus auch einmal übergriffig wird, angeblich, um eine Szene zu intensivieren. Er fällt ebenso oft aus seiner Rolle wie Bernado Arias Porras’ in der Wanne sitzender Marat. Auch die "Ernst Busch"-Studierenden pendeln zwischen ihren Charakteren und der Probenrealität, formieren zudem den Chor, der singt und brüllt und musiziert mit einer Kraft, die den gesamten Abend cool pulsieren lässt.

Zwar wirkt inmitten dieses Spektakels die Diskussion der beiden Hauptdarsteller dröge, auch droht sie des Öfteren in der Klangkulisse unterzugehen. Das allerdings geht insofern in Ordnung, als die Schauspielschüler die Argumenteschlacht fortführen. Immerhin sind es jene, die für einen Zentralstandort für ihre Hochschule gestreikt und protestiert haben (ja, auch der Jauch-Störer ist dabei), obwohl sie selbst davon nicht mehr profitieren werden. Sie entlarven revolutionäre Gesten, hinterfragen die Produktionsbedingungen im Theater und halten dabei die Diskussion zwischen Idealismus und Realität am Laufen. Wir sind alle eine Gesellschaft aus Hamlets, die zögern, statt zu handeln? Könnte was dran sein.

Das ist stark auch deshalb, weil im ständigen Wechsel zwischen den Rollenschichten viel Talent sichtbar wird. Und weil Kleinert augenzwinkernd Ostermeier parodiert, wenn etwa Farbe spritzt (als Trikolore-Waterboarding) und das Publikum als "Lüge!"- und "Pfui!"-rufenden Protestmasse inszeniert wird. Was dann eine Schauspielerin gleich wieder als Regietheater-Exzess kritisiert: "Ich will endlich mal nur meine Rolle spielen!" Vor allem aber bleibt ziemlich viel Weiss’scher Geist übrig, ein Für und Wider über die Frage, die nicht nur an der Schaubühne diskutiert wird: Wollen wir so leben?


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