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13.10.2012

Berliner Morgenpost: Im Fegefeuer der Eitelkeiten

Dieser Abend macht Spaß: "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" am Renaissance-Theater

Dafür, dass sie schweigen wollen, wird hier ziemlich viel gequasselt: "Wir sollten jetzt nichts mehr sagen, damit wir nachher noch was zu sagen haben", nehmen sich die drei Schauspieler vor, die da auf Ledersesseln vorm wackeligen Tischchen sitzen und auf den Beginn der Aufzeichnung einer Talkshow warten. Eine Talkshow, die vielleicht nie stattfindet: Theresia Walsers 2006 uraufgeführte Komödie "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" endet mit den Worten, mit der sie begann.

Auch sonst erinnern die drei Schauspieler, die hier zusammengepfercht sind, weil die beiden älteren Hitler gespielt haben und der jüngere mal Goebbels war, an eine "Geschlossene Gesellschaft": am Renaissance-Theater zwar elegant eingerichtet von Momme Röhrbein, aber dennoch eine Hölle der Eitelkeiten, aus der es kein Entrinnen gibt. Hier der selbstzufriedene Großschauspieler Franz Prächtel, der für seine Parkinson-Studien ins Krankenhaus ging, um Hitler menschlich wiederzugeben, dort Peter Sösl, ein wendehälsischer Intrigant, der "bei jedem Bissen die Vernichtung mitgespielt" haben will. Dazu der junge Kollege Ulli Lerche, der sich fragt, "ob man überhaupt Geld damit verdienen darf, wenn man als Deutscher einen Nazi spielt".

Drei Männer, Kunst, Komödie? Das Rezept klingt bekannt: Yasmina Reza hat mit dieser Melange ihren phänomenalen Erfolg begründet und nebenbei das Genre Konversationskomödie wieder staatstheatertauglich gemacht. Auch bei Walser geht es um menschlich-allzumenschliche Banalitäten und das Sinnieren über (dramatische) Kunst ohne Sicherheitsgurt; auch hier haben die Konservativen die besten, saukomischen Suaden, für die Thomas Bernhard Pate gestanden haben könnte.

Für Prächtels Verbalschlag gegen das Regietheater jedenfalls gibt’s ordentlich Szenenapplaus. Was auch an Jörg Gudzuhn liegen dürfte. Er spricht seine ellenlangen Sätze wie Arien, fein ausnuanciert, denen man gebannt lauscht, ein Schauspieler, der auch in seinen Spreizereien immer eine gute Handbreit über dem Knattermimentum bleibt und der um die Nähe von Komik und Tragik weiß. Obwohl Prächtel deutlich eine Bruno-Ganz-Karikatur ist, spart sich Gudzuhn jede Anspielung. Für die großen Gesten ist ohnehin Robert Gallinowski zuständig, der hier mit dunklem Vollbart und Glatze zwar nicht wie der personifizierte Nachwuchs aussieht, aber von den alten Hasen in die Rolle des jungen Wilden gedrängt wird. Wenn er sich für zeitgenössische Theaterästhetiken ins Zeug legt, dann mit raumgreifenden Ganzkörpereinsatz: Er sucht nach immer neuen Rollen und landet doch bei deplatzierten Gesten, hier ein zu hoch angewinkelter Arm, da ein leichtes Schnarren in der Stimme.

Guntbert Warns hält sich als Söst zurück, macht zunächst auf ehrfürchtigen Prächtel-Sidekick, um dann jovial die Intrigenstrippen zu ziehen, ein herrlicher Behaupter und Großsprech. Warns hat auch Regie geführt, dabei sich und die Kollegen auf die Komödien-Spur gesetzt und für spielerische Beinfreiheit gesorgt – angenehm schnurrt die Chose dahin. So bleibt zwar jenes Unbehagen auf der Strecke, das Walser mit politisch inkorrekten Stolpersteinchen anvisiert. Aber Spaß macht’s doch.


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