Archiv Referenzen

02.10.2012

Berliner Morgenpost: Mal provozierend, mal peinlich

"Foreign Affairs" ist das neue Festival der Berliner Festspiele. Das erste Wochenende war so mittel

Sex kann ziemlich komisch sein, jedenfalls dann, wenn andere ihn versuchen: Auf der Bühne mühen sich vier weibliche und vier männliche Japaner in einem sterilen Apartment mit- und aneinander ab. Zuerst kauern sie verschämt und in sich gekrümmt da, nur in rosa Handtücher gewickelt, dann entwickeln sich schüchterne Annäherungsversuche. Später landen sie dann doch alle miteinander in der Kiste, und zwar so lautstark und leidenschaftlich, dass die Wände wackeln – mehrfach und in wechselnden Konstellationen.

"Love’s Whirlpool" von Daisuke Miura ist eine von fünf Produktionen, mit denen "Foreign Affairs" startete, das neue Festival der Berliner Festspiele. Noch bis zum 26. Oktober zeigt es internationale Entwicklungen und Positionen aus dem Off-Theater. Frie Leysen, die Chefin dieses Jahrgangs, argumentiert: "Europa ist nicht genug" – und holt deshalb auch Produktionen aus Afrika, Asien und Lateinamerika.

Damit stellt sie sich frontal gegen die "Spielzeit Europa", die sich von 2004 bis 2012 dem oft starsatten Hochglanztheater verschrieben hatte mit Regisseuren wie Andrea Breth, Dimiter Gotscheff und Alvis Hermanis. Das passte zum Luxus-Image der Berliner Festspiele, blieb aber im Konzept diffus und brachte mehr als einmal alte Hüte nach Berlin.

Jetzt weht ein anderer Wind an der Schaperstraße: Das Publikum ist verjüngt (günstigere Preise machen’s möglich), für viele Vorstellungen gibt es noch Karten. Natürlich wird bei großen Namen wie Romeo Castellucci und Anna Teresa de Keersmaeker das große Haus der Berliner Festspiele voll, auch andcompany&Co. sind mit der Preview ihrer für 2013 am HAU geplanten Produktion "Black Bismark" längst ausverkauft.

Ob und welches Konzept hinter den Einladungen steckt, wurde nach dem Eröffnungswochenende noch nicht klar. Das lebte von der Spannung des Unvereinbaren – selten lagen Tops und Flops so nahe beieinander. Miura tendierte zumindest Richtung obere Liga. Denn der Balz- und Paarungsreigen beschränkt sich nicht aufs Glotzen: Nach einem ohrenbetäubenden Vorspiel (während immer wieder die Türklingel geht, sammeln sich da alle schön atmosphärisch zu dröhnendem Techno-Pop, rauchen nervös, spielen mit ihren Handys) folgen klassische fünf Akte, die trotz einiger Längen deshalb amüsieren, weil die Kindergärtnerinnen, Büroangestellten und Studenten so stark in ihren bürgerlichen Verhaltensmustern verheddern, dass sie sich auch nach der ersten Beischlaf-Runde noch Siezen. Dazwischen hat Miura sehnsüchtige Schubert-Liebeslieder gesetzt. Mit Romantik allerdings hat der Abend nichts zu tun: Liebe gibt’s hier nur als kühles Liebemachen.

Hinterher wurden keine roten Köpfe gesehen, eher amüsierte Gesichter. Wesentlich ruhiger geht’s vor dem Haus der Berliner Festspiele zu in Kyohei Sakaguchis "Mobile House", einer aus rohem Holz zusammengezimmerten Hütte mit großen Fenstern: Mitten im Raum steht ein schwarz glänzender Steinway-Flügel, an dem Marino Formenti von morgens um Elf an zwölf Stunden lang Stücke von John Cage, Morton Feldman, Eric Satie und anderen spielt – und das täglich bis zum 20. Oktober. Für ihn ist es ein Experiment, sich nur der Musik zu widmen. Nur selten haut er richtig in die Tasten, sinnt stattdessen den einzelnen Klängen nach – selbst seine Couperin-Preludes tröpfelt er hin, als wolle er deren meditativen Charakter erforschen (was sich jederzeit im Livestream auf der Festival-Homepage überprüfen lässt).

Das alles bei freiem Einritt, und so lagert etwa ein Dutzend meist junger Menschen auf Kissen und Matratzen; einige scheinen zu schlafen, eine junge Frau zeichnet. Die Hütte selbst allerdings ist nicht so mobil, wie sie mit ihren Rädern behauptet – sie wurde um einen Baum herum gebaut. Auch sonst interessiert sich Architekt Sakaguchi für die unmöglichen Orte mindestens so sehr wie für die möglichen, wie eine kleine Ausstellung im oberen Festspielhaus-Foyer zeigt. In seinen Wohn-Utopien steckt oft mehr Sprengstoff als im sogenannten politischen Theater.

Was man von "Exhibit B" des (weißen) Südafrikaners Brett Bailey nicht behaupten kann: In den Katakomben des Kleinen Wasserspeichers in Prenzlauer Berg hat er eine Ausstellung gebaut, die in der unrühmlichen Tradition der Völkerschauen steht. Hier stehen und sitzen echte schwarze Menschen in historisierenden Umgebungen, vor ihnen eine Erklärungstafel. Erzählt wird davon, was die Kolonisation – gerade auch die deutsche – den afrikanischen Ureinwohnern angetan hat. Während man durch die Räume schleicht, folgen einem die Blicke der Ausstellungs"objekte" unverwandt mit einer Mischung aus Hass und Trauer. Dazu singt ein Chor himmlisch schwebende Weisen – nur ihre Köpfe schauen aus weißen Kästen, über ihnen hängen Fotos abgeschlagener Häupter.

Das ist so unerträglich wie intensiv, auch, weil die Installation nicht beim Gestern stehenbleibt: Zwischen den historisierenden "lebenden Bildern" stehen als "Ready Mades" echte Berliner Asylbewerber. Wem das nicht die Schamesröte ins Gesicht treibt, hat kein Herz, und entsprechend ist die Stimmung – lauter taumelnde Besucher, die versuchen, den geschärften Blicken zu entgehen.

Was allerdings Federico Leóns Auftaktpremiere "Las Multitudes" (Die Menschenmassen) sollte, bleibt ein Rätsel. Seine Vision: 121 Menschen aus fünf Generationen auf der Bühne vereinen. 108 Berliner und 13 Argentinier jagt er in wechselnden Formationen zwischen Volkstanzringelreihen und Pina Bausch über die Bühne, immer brav in Männlein und Weiblein getrennt, die sich aus irgendwelchen Gründen verstritten haben. Zwischendrin gibt’s ein Popkonzert mit peinlichen Discochoreografien, am Ende siegt die Liebe, immerhin. Das ist inhaltlich so naiv wie ästhetisch dürftig, hat aber einen Vorteil: Alles, was danach kam und kommt, kann nur besser werden.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt