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15.10.2012

Berliner Morgenpost: Politthriller im Dauerraster des Videobeamers

Harmlos: Anna Bergmann inszeniert "Radikal" am Gorki

Es gibt Bücher, die werden schnell von der Realität eingeholt. Wie Yassin Musharbashs Berliner Politthriller "Radikal" von 2011: Lutfi Latif, ein charismatischer muslimischer Grünen-Politiker aus Kreuzberg mit Obama-Charme, wird bei einem Anschlag ermordet. Während die ersten Spuren alle in Richtung Al-Qaida führen, ermittelt der Islam-Experte Samson auf eigene Faust weiter – und deckt eine rechtsnationale Gruppe auf, die entfernt an den NSU erinnert.

"Radikal" ist ein unbedingt lesenswerter Roman, weil es zu jedem Argument in diesem verminten Feld zwischen politischer Korrektheit und Radikalismus ein Gegenargument gibt – eine Zerrissenheit, die die Figuren spannend macht. Musharbash zeigt, wie fragil unsere Ordnung ist und wie verlogen, wie orientierungslos ihre Hüter vom BKA oder Verfassungsschutz, sind. Dieses Spannungsfeld der Graustufen wird es gewesen sein, was das Maxim Gorki Theater zu einer Dramatisierung bewog. Bei Einar Schleefs "Gertrud" war es Chefdramaturg Jens Groß gelungen, das Panoramatische der Vorlage zu erhalten. In seiner Kurzversion des 400-Seiten-Buches ging das schief – statt auf Entwicklungs- setzt Groß auf eine Behauptungsdramaturgie. Aus Charakteren mit Ecken und Kanten werden Pappkameraden, die ihre Selbst- und Weltzweifel in mauen Monologen abhandeln.

Regisseurin Anna Bergmann, die im Gorki Studio 2010 schön atmosphärisch Juliane Kanns "Fieber" hintupfte, weiß mit dem Textkorsett frei nach Musharbash nicht viel anzufangen. Bei ihr wird die Bühne im Dauerraster des Videobeamers zur Tablet-Benutzeroberfläche. Während sich in Ben Baurs Raumlabyrinth die Schauspieler zu "Tatort"-Szenen treffen, übertragen Überwachungskameras das Geschehen auf die Fläche überm Bühnenportal. Heiko Schnurpels Tonspur irritiert mal, mal setzt sie auf Spannungsbeat.

In dieser Atmosphäre, mit diesem Text kämpfen sich die Schauspieler wacker ab: Holger Stockhaus’ Islamexperte Samson stolpert als Sympath vom Dienst ziemlich naiv in die Sache rein. Wie es allerdings zu seiner Annäherung an Latifs Assistentin Sumaya kommt, bleibt schleierhaft. Bei Pegah Ferydoni bleibt sie ziemlich steif, mit leichtem Verzweiflungstremolo in der Stimme. Wilhelm Eilers wirkt als äußerlich blasser Dr. Sinn schön gefährlich, Gunnar Teuber als Journalist Henk schön schmierig, Johann Jürgens würde als Kai am Liebsten Agentenklamotte spielen. Dass sie alle mehr können: geschenkt.

Es gibt es Momente, in denen man merkt, warum es hätte eine gute Idee sein können, den Roman zu inszenieren: Einmal steht Stockhaus’ Samson vorne an der Rampe und reflektiert seine bislang gesammelten Erkenntnisse, während hinten auf der Wand Sinns Gesicht prangt, der ihn unverwandt anstarrt – da sind die rechten Geheimbündler ihrem trojanischen Pferd längst auf die Spur gekommen. Schnell löst sich dieser Eindruck auf im weiterhastenden Szenenreigen, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Anders als bei der Musharbash-Lektüre bleibt jedes Erschrecken darüber aus.


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