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20.10.2012

nachtkritik.de: Die Weisheit der Indianer

"Die Zeit schlägt dich tot" – Fabian Hinrichs wandelt bei Foreign Affairs auf René Polleschs Spuren

"Ich bin so erschöpft", brüllt Fabian Hinrichs in Mikro. Hinten mahlt die Band einen Klangwiderstand, wummert und rummst, vorne erzählt Hinrichs davon, dass man oft die größten Wünsche nicht mehr so toll finden würde, sobald sie sich erfüllten, weshalb man sich dann ein neuen Ziel suchen muss. "Die Zeit schlägt dich tot!", ruft Hinrichs, dazu peitscht der Beat apokalyptische Schreie.

Wenn das alles Originalton Hinrichs wäre, müsste man sich ernsthaft Sorgen machen um den Schauspieler. Was wie Burnout klingt, ist aber nur Stücktext, erdacht und geschrieben von ihm im Auftrag von Foreign Affairs, dem neuen Festival der Berliner Festspiele. Wobei Stück größer klingt, als "Die Zeit schlägt dich tot" ist – ein Monolog, der ein paar gängige, ziemlich kulturpessimistische Thesen zusammenzwingt und mit lustigen Pointen (wie der Reim "Ehen gehen auseinander / Kinder heißen Karl-Leander"), Satzwiederholungen und wie improvisiert klingenden Liedern. Im Kern geht es um die Krise an der Gegenwart, die Erschöpfung an der Stadt, den Sinn des Lebens – und die Sehnsucht danach, die Vereinzelung aufzuheben.

Karl-Leander und der Sinn oder Fernsehprediger auf Rollrasen

Inszeniert hat Hinrichs das Ganze selbst, wobei auch dieses Wort größer klingt, als es im Haus der Berliner Festspiele aussieht. Der Schauspieler tigert wie sonst bei René Pollesch von links nach rechts und zurück über die Bühne, die hier ein echtes Stück Rollrasen ist, spricht oft ins Mikro und illustriert seine Aussagen mit ungelenken Gesten. Dass er diesmal mehr als üblich wie ein amerikanischer Fernsehprediger wirkt, könnte an den Untertitel gebenden "ganz großen Fragen" liegen, die Hinrichs verhandelt. Daran, dass er das Wort "einsam" etliche Male wiederholt und dabei mit dem Zeigefinger immer andere im Publikum adressiert. Daran, dass er verbal mit uns abhebt: "Wir fliegen heute nicht nach Düsseldorf, sondern an einen Ort, an dem der Schmerz sein kann." Daran, dass er später ins Parkett läuft, dort Menschen übers Haar streicht, sie umarmt und uns alle dazu bringt, unseren Nachbarn anzuschauen und ihm oder ihr im Chor zu sagen: "Du siehst gut aus."

Manchmal stellt er sich zur Band aus Komponist Jakob Ilja ("Element of Crime"), Nikko Weidemann, Niels Lorenz und Carolina Bigge und webt an der E-Gitarre mit am melancholischen Rock-Requiem, mal baut er ein Krocket-Spiel auf und verfehlt das Tor (was ihm wiederum Anlass zu einem tragödischen Wutausbruch liefert, aber hier will ihm das Publikum nicht recht folgen bei einem himmelschreienden "Warum?"), mal sitzt er in einer Art tragbaren Sauna und liest stumm in "Die Weisheit der Indianer".

Zitatenfreudige Wutfeier

Vieles erinnert an Polleschs Hinrichs-Abende wie Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!, Der perfekte Tag und Kill your Darlings!. Im Vergleich allerdings bleibt "Die Zeit schlägt dich tot" szenisch beliebig, und das, was Pollesch-Texte oft so faszinierend macht, dieser kaum zu fassende Mahlstrom aus Theorien und Trash, geht hier nie über die oft grinsend gebrochene Anklage eines Wohlstandskindes hinaus. Hinrichs weiß das, immerhin: Mal sitzt er wie ein kleiner Junge mit ausgestreckten Beinen auf dem Rasen und zupft gedankenverloren am Gras, mal lächelt er uns ironisch an zwischen seinen pathosschwangeren Sätzen, gerne auch bei den vielen Texthängern, als wolle er sagen: Entspannt euch, ist alles halb so wild. Dann wieder hopst er auf einem orangenen Springball herein, auf dem dick "ICH" steht und lässt die Luft raus – aber mit einem derart plakativen Tod des Egos ist keine neue Gemeinschaft geschaffen.

Die formiert sich dank der vielen Hinrichs-Fans allmählich zwischen Parkett und Bühne – wir alle werden zum Teil dieser kindlichen Wutfeier, ein bisschen zeitgeistig, ein bisschen stadtneurotisch, ein bisschen beliebig. Begonnen hatte der Abend mit einer schönen Anrufung der Geister, Fritz Kortner, Bernhard Minetti und Maria Wimmer etwa (womit immerhin gleich klargemacht wird, dass früher auch nicht alles besser, nur anders war) und einem Ausflug zu Hölderlins "Empedokles". Der beschreibt in seinem Einstiegsmonolog ja die – im Nachhinein als befreiend empfundene – Vertreibung aus der Stadt in die Natur. Wie Hinrichs hier an einem Seil über die Bühne pendelte und Jamben zerdehnte, hatte noch die Größe eines nicht begriffenen Pathos. Was danach kommt, lässt sich so zusammenfassen: "Eine Idee ist bei uns nur die Verbindung aus zwei Zitaten", sagt Hinrichs einmal. Für diesen Abend stimmt's.


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