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22.10.2012

Berliner Morgenpost: Berliner Bühne gibt Anders Breivik eine Stimme

Provokante Lesung: Der Theaterdiscounter macht die Erklärung des norwegischen Attentäters Breivik vor Gericht erstmals öffentlich.

Ausgerechnet Anders Behring Breivik. Der Massenmörder von Oslo und Utoya, der Volksverhetzer, dessen Ziel immer die größtmögliche Aufmerksamkeit für seine kruden, rechtsextremen Ideologien war. Dieser Mann erhält nun eine öffentliche Stimme: Am 27. Oktober wird "Breiviks Erklärung" im Theaterdiscounter verlesen, als Reenactment jener Rede, die der 77-fache Mörder am 17. April 2012 vor dem Osloer Amtsgericht hielt. Die Aussagen wurden nicht im Fernsehen übertragen, waren für die Öffentlichkeit gesperrt.

Aus gutem Grund: Breivik richtete das Blutbad an, um gehört zu werden. In seiner Rede bekam er die Chance, seine Taten und Ideologien zu erläutern – vor kleinstem Publikum. Er bekundete seine Verbundenheit zu Al Quaida, zum schweizerischen Minarettverbot und zur deutschen NSU und skizzierte seine Theorie des Untergangs Europas durch Einwanderung und Multikulturalismus. Nun, über den Umweg des Theaters, bekommt er doch noch eine Bühne. Der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau, der im Mai mit "Hate Radio" über den Völkermord in Ruanda zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, zeigt "Breiviks Erklärung" zwei Mal.

Voraufführung sorgte für Eklat

Die Voraufführung gestern beim szenischen Kongress "Power and Dissent" am Deutschen Nationaltheater Weimar sorgte im Vorfeld für einen Eklat, weil das Theater die Produktion kurzfristig aus den eigenen Räumen verbannte – und es in einem Kino unweit der geplanten Aufführungsstätte doch zeigen ließ. Die Premiere beim Monologfestival im Berliner Theaterdiscounter, wo bis zum 28. Oktober unter dem Motto "Jenseits von Gut und Böse" auch andere Stars der Performance-Szene wie andcompany&Co. und Boris Nikitin ihre Arbeiten präsentieren, wird allerdings wie geplant stattfinden.

Denn die plötzlichen Bedenken von Weimars Geschäftsführer Thomas Schmidt, der mit "moralischer Verantwortung" argumentierte, findet Festival-Kuratorin Heike Pelchen "interessant": "Gerade weil wir eine moralische Verantwortung haben, ist es wichtig, diesen Text zu entdämonisieren und zu entdramatisieren. Breiviks Entschluss, seinen Ideen Taten folgen zu lassen, ist zum Glück einzigartig. Aber seine Rede zeigt, wie sehr seine Ideen im Alltag verbreitet sind." Ihr sei schlecht geworden bei der Lektüre – nicht wegen der Grausamkeit, sondern "weil wir täglich davon umgeben sind in den Nachrichten, der Salafisten-Hetze zum Beispiel oder bei dem, was der NSU-Ausschuss täglich ans Licht bringt".

Ähnlich argumentiert Rau: "Breiviks Rede ist ein Text aus Europa, den ich versuche, aus meiner Perspektive zur Debatte zu stellen." Gefährlich findet er diesen Text, losgelöst vom eigentlichen Anlass, nicht. Spannend schon, weil das, was Breivik für seinen einstündigen Auftritt vor Gericht auswählte, viel enthält, was man unter Konsens verbuchen kann. "Das beunruhigende ist, dass das, was er da sagt, der Text sein könnte für die Minarettverbots-Initiative, die in einem Land wie der Schweiz eine Mehrheit bekommt."

Der Breivik in uns allen

Nur zwei Mal wird der Abend gezeigt, weil Rau die Aufführung für Dreharbeiten nutzt – das Ergebnis wird ein Film, für weitere Aufführungen gebe es dann "keine Notwendigkeit mehr". Vorbild ist der Filmregisseur Romuald Karmakar. In "Das Himmler-Projekt" und "Hamburger Lexionen" hat er Texte von Heinrich Himmler und eines Hamburger Hasspredigers in einer neutralen Umgebung lesen lassen und sie damit neu zur Diskussion gestellt. Die Ergebnisse wurden preisgekrönt. Es geht also um den Breivik in uns allen – und nicht um Provokation. Sagt Rau. Ob er damit der Mörder Breivik verharmlost, muss der Abend zeigen. Immerhin verzichtet Rau auf Kulissen und lässt den Text von einer Frau verlesen. Sascha Ö. Soydan, die viel fürs Fernsehen dreht, in Berlin Teil des Heimathafen–Dauerbrenners "Arab Queen" ist und sich als exzellente Sprecherin einen Namen gemacht hat, soll die Distanz zwischen Breivik und seiner Rede sichtbar machen.

Damit unterscheidet sich "Breiviks Erklärung" deutlich von Raus vorherigen Arbeiten, den Reenactments "Die letzten Tage der Ceaușescus" 2009 und "Hate Radio" 2011, bei denen er größten Wert auf eine detailgenaue Rekonstruktion der Originalschauplätze und auch auf Ähnlichkeiten der Schauspieler mit den historischen Vorbildern gelegt hatte. Reenactments sind das möglichst genaue Nachstellen historischer Momente – und in den USA ein Volksspektakel. Als Theaterphänomen haben sie in jüngster Zeit eine ziemliche Karriere gemacht – vielleicht, weil Geschichte heute mehr sinnliche Vermittlung braucht als früher.

Dreifache Absicherung

Rau ist der bekannteste Vertreter und hat dabei einen faszinierenden kalten Hyperrealismus entwickelt. Seine Arbeiten sieht er in der Tradition von Peter Weiß’ dokumentarischem Theater: "Das, was wir machen, dieser absolute Realismus, steht im Widerspruch zu allem, was in den letzten 30 Jahren auf der Bühne passiert ist", sagt er nicht ohne Selbstbewusstsein. Für "Hate Radio" etwa stellte er eine exemplarische Stunde jenes Radiosenders zusammen, der 1994 durch seine Hetze maßgeblich am Völkermord in Ruanda beteiligt war – im original nachgebauten Studio saßen die vier Schauspieler, rauchten, plauderten, legten Musik auf.

Dass "Breiviks Erklärung" nun vor neutraler Kulisse verlesen wird, ist ebenso eine Absicherung wie die anschließende Gesprächsrunde, die ein bisschen an die Vorführung jener Filme erinnert, die von Zeit zu Zeit aus dem Nazi-Giftschrank geholt werden. In Berlin diskutieren der Philosoph Bazon Brock und die Kulturjournalistin Christine Wahl. Vielleicht gibt’s ja hier eine abschließende Antwort auf die Frage, ob Breivik auf die Bühne gehört – oder auf den Index.


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