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03.11.2012

nachtkritik.de: Divendämmerung

"Tilla" – Inge Keller spielt Christoph Heins Schauspielerinnen-Monolog an den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Diese Stimme ist unverwechselbar. Aus der Tiefe kommt sie, aus der Nacht: "Hallo? Hallo, ist da jemand?" Ein Greisinnenbass, der schaudern macht. Oder lachen. So wie hier, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Jeder Satz, manchmal jedes Wort provoziert ein Kichern. "Mein Gott, eben war ich noch der Mittelpunkt, und jetzt? Haben wohl alle viel zu tun."

Der Bass gehört Inge Keller, die in einem Stuhl neben einem prachtvollen Blumenstrauß sitzt, elegant wie immer, eine preußische Diva, aufrecht, kühl, diszipliniert, immer noch schön. So könnte Grace Kelly aussehen, lebte sie noch. Die "diensthabende Gräfin der DDR" hat sie sich genannt, und wie viel davon Ironie war und wie viel ernsthafte Überzeugung, man weiß es nicht. Ihr Rollenverzeichnis liest sich ebenso beeindruckend wie die Riege der Regisseure, mit denen sie in ihrem bald 89-jährigen Leben zusammengearbeitet hat.

Parallelen...

Womit sie nahezu so alt ist wie die Schauspielerin Tilla Durieux, die in Christoph Heins "Tilla" 91-jährig auf ihr Leben zurückblickt. Hein hatte den Monolog mit wenigen Dialogfetzen eigentlich als zweiten Teil eines Abends konzipiert, in dessen erstem sich Emil Jannings für seine Zeit im Nationalsozialismus rechtfertigen muss. Vielleicht hätte diese Gegenüberstellung eine Dringlichkeit vermittelt. So bleibt "Tilla" eine Anekdotenplauderei, die man in ihren drei Autobiografien ausführlicher und vielleicht auch fundierter nachlesen kann. Die Behauptung etwa, man habe sie nicht auf die Beerdigung ihres zweiten Mannes Paul Cassirer gelassen, ist falsch, da existieren Beweisfotos. Auch sonst verstrickt sich Heins Tilla öfters mal in Ungereimtheiten, was sich im Zweifelsfall immer der alten Frau in die Schuhe schieben lässt.

Auch sprachlich macht der Text nichts her. Aber es ist natürlich ein reizendes Vehikel für Inge Keller. An den DT-Kammerspielen schlüpft jetzt ein Ehrenmitglied in die Rolle des andern, die Langhoff-Diva (Vater und Sohn) trifft auf den Reinhardt-Star, die Barlog-Entdeckung auf die Barlog-Wiederentdeckung. Parallelen, die die vielen Fans meist fortgeschrittenen Alters in schiere Glücksraserei versetzen, wenn Keller über Schauspieler ätzt, die nicht mehr sprechen können und hässliche neumoderne Häuser.

... und Unterschiede

Parallelen allerdings, die darüber hinwegtäuschen, wie groß die Unterschiede dann doch sind. Während die Durieux auch ein populärer Star der Gazetten war, in der Emigration vergessen wurde, ihren dritten Mann im KZ verlor und dann noch einmal zu spätem Ruhm aufstieg, verlief das Leben Inge Kellers geradezu linear, ohne jenseits der Bühnen in Ost und West besonders populär zu werden (trotz Kinofilmen wie "Wolf unter Wölfen" und "Aimée und Jaguar"). Und auch die berühmten Ex-Männer lassen sich kaum vergleichen: Der Impressionisten-Entdecker Paul Cassirer war bedeutend, der "Schwarze Kanal"-Agitator Karl-Eduard von Schnitzler nur berüchtigt.

Als wäre das noch nicht genug Bedeutungsballast, hat den Abend Gabriele Heinz inszeniert, Wolfgang Heinz' Tochter, Langhoffs Nachfolger als DT-Intendant und einer der prägenden Keller-Regisseure. Wobei inszenieren ein zu großes Wort ist: Sie arrangiert ihren Star erst vorn auf einem Stuhl an der Rampe, später dann auf einer Jugendstilcouch, wo Inge Keller die meiste Zeit aus dem Buch liest, weil solche Textmengen für sie wohl kaum mehr zu bewältigen sind. Manchmal rotiert die Drehbühne, manchmal wedelt der weiße Vorhang im Hintergrund vor und zurück. Dazwischen stolpert unbeholfen der große Komödiant Bernd Stempel als Assistent und Ex-Mann der Durieux herum, als sei er ein Schauspielschüler, den eine zu große Ehrfurcht lähmt.

Kurz: "Tilla" ist ein Abend, über den man kein Wort verlieren müsste, liefe er mit unbekannten Schauspielern an einer Provinzbühne. Aber dies sind die DT-Kammerspiele, dies ist Inge Keller, die wunderbare, und auch, wenn ihre unnachahmliche Diktion nicht mehr so makellos ist wie einst, auch wenn ihre Lesung naturgemäß nicht so beeindruckend klingt wie jene Passagen, die sie frei spricht, auch wenn sie nur noch sitzt und allein mit minimaler Mimik, wenigen Gesten und dem Farbreichtum ihrer Stimme spielt, so bleibt es doch ein Ereignis. "Tilla" ist ein Abend zum Wehmütigwerden, weil mit ihr auch Iphigenie, Helene Alving, Claire Zachanassian und die Fürstin Koschka Abschied nehmen. Wahrscheinlich ist es Kellers letzte große Rolle. Diven wie sie gibt es nach ihr nicht mehr.

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