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01.11.2012

nachtkritik.de: Duell der Blicke

Inklusionstheater – Wie Schauspieler mit Behinderungen die großen Off-Bühnen erobern

60 Sekunden können eine Ewigkeit dauern. Zum Beispiel in Jérôme Bels Disabled Theater. Zu Beginn betreten die Performer einzeln die Bühne. Jeder stellt sich mittig hin und blickt das Publikum an. Lange. Schweigend. Und geht dann wieder ab. Man meint zu unterscheiden zwischen dem Coolen, der Schüchternen, dem In-sich-Gekehrten; ist dieser Blick skeptisch, jener geringschätzig, und der hier trotzig? Oder interpretiert man nur, weil man als Mitglied der Mehrheitsgesellschaft im Publikum sitzt und die da vorne alle das Label "geistig behindert" [1]tragen? Wer schaut hier eigentlich wen an, und wer dominiert diesen Blick? Machen wir die Performer mit unserem Starren zu Objekten? Oder bringen sie, immerhin ausgebildete Schauspieler des Zürcher Theater HORA, mit ihrem Zurückstarren unsere stabile Dichotomie von uns und denen durcheinander?

Es ist kein Zufall, dass dieses Duell der Blicke an Brett Baileys Exhibit B erinnert, jener "Völkerschau", die deshalb so beeindruckte, weil die Exponate, also die als lebende Bilder ausgestellten Performer, derart intensiv zurückstarrten, dass die übliche museale, theatrale und auch koloniale Blickrichtung – ich betrachte dich und mache dich damit zum Gegenstand meines Interesses sowie meiner Bewertung – sich ins Gegenteil verkehrte. Das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zum Anderen wird offensiv verhandelt. Tut sich da gerade was im deutschsprachigen Theater, das in seinem Kern immer noch weiß und akzentfrei ist? Die Veränderung kommt von den Rändern her, den Off-Theatern, der freien Szene. Hier agieren zunehmend Protagonisten, die nicht ins Mehrheitsraster passen, anders aussehen, anders sprechen, anders sozialisiert wurden, bereichern und erneuern performative Formen. Hier wurde auch das postmigrantische Theater entwickelt und gefördert, hier gründeten sich Gruppen wie Label Noir, ein Ensemble aus afrodeutschen / schwarzen Profi-Schauspielern.

Nicht rezensierbar?

An diesen Rändern bewegen sich auch jene Theatergruppen, in denen Menschen mit geistiger Behinderung ausgebildet werden und spielen. Obwohl es den meisten Ensembles von Anfang an um künstlerischen Ausdruck und nicht um therapeutische Wirkungen ging, obwohl Regisseure wie Heiner Müller, Frank Castorf, Achim Freyer und Claus Peymann etwa in Aufführungen der Berliner Truppe RambaZamba gesichtet wurden, landeten ihre Produktionen in der öffentlichen Wahrnehmung lange in der sozialen Ecke. Auch bei der Theaterkritik: Falls es mal eine Premierenbesprechung ins Feuilleton schaffte, dann durchströmte sie freundliche Indifferenz. Dass viele Behindertentheater-Produktionen kritikwürdig, dass Macher und Darsteller auch kritikfähig sind, ging und geht unter.

Christoph Schlingensief war vermutlich der erste, der geistig behinderte Darsteller wie Mario Garzaner, Achim von Paczensky und Kerstin Grassmann auf die Staats- und Stadttheaterbühne holte zu einer Zeit, als selbst körperbehinderte Schauspieler noch als "nicht rezensierbar" (Gerhard Stadelmaier über den Schauspieler Peter Radtke) galten. Seitdem arbeiten immer mehr Theatermacher vor allem aus dem Off-Bereich mit geistig behinderten Schauspielern. Die Gründe dafür mögen verschieden sein, die Ergebnisse sind es in jedem Fall: Während sich Frank Krugs gleich mehrere Grenzen sprengende Musiktheaterarbeit "Lilith", die 2011 im Berliner Radialsystem V Premiere hatte, eher unter gut gemeint verbuchen lässt, überzeugt das australische Back to Back Theatre mit Food Court bei ihrem Gastspiel im HAU: Im bildgewaltigen Antimärchen verbergen sich Aschenputtels Terrorschwestern in echten Fettpolstern und schicken ihr Opfer in Hänsel und Gretels Horrorwald, wo wölfische Grausamkeit wartet, die kein sexbesessener Märchenprinz wettmachen kann. Obwohl Back to Back ihre Mittel offenlegen, die künstlichen Töne, die gewaltig präsenten Leiber, regiert die Magie des Theaters.

Zoo-Perspektiven?

Darüber hinaus sind zwei Dinge bemerkenswert: Geistig behinderte Schauspieler dürfen hier abgrundtief böse Charaktere verkörpern. Zugleich zeigt Back to Back mit der getriebenen Hauptfigur, wie sehr behinderte Schauspieler zur Identifikation taugen. Perfekte Inklusion ist das, also der Einschluss der behinderten Schauspieler in ein Team von Menschen mit und ohne Behinderungen, in dem jeder mit seinen Qualitäten am gemeinsamen Ziel arbeitet. Möglich ist das bislang nur im Performance-Theater; das Stadttheater scheint schon mit anderen Minderheiten überfordert. Schon wenn ein körperbehinderter Schauspieler in einem "normalen" Ensemble eine Rolle übernimmt, ist das eine äußerst starke Setzung. Sie wird vom Publikum gelesen und interpretiert, unabhängig vom Können der einzelnen Protagonisten – einer der Gründe, warum Leipzigs Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann die Schauspielerin Jana Zöll, die er nur bedingt ohne Rollstuhl inszenieren kann, nicht ins Ensemble übernahm, auch wenn er im Kirschgarten wie in Krieg und Frieden erfolgreich mit ihr arbeitete. Wie dauerhaft etwa wird Thomas Quasthoffs Rollenwechsel sein, der als Opernsänger in nur wenigen Produktionen auftrat (und dann stets in solchen, wo sich seine körperliche Besonderheit als Krankheitszeichen ins Konzept fügte) und demnächst im Berliner Ensemble in "Was ihr wollt" spielt? Und ob das an der Stadttheater-Realität etwas ändert?

Weniger Skepsis dürfte in der freien Szene angebracht sein, wo die jüngsten Produktionen selbstbewusst ihre Besetzung thematisieren. Jérôme Bel ist sicher das prominenteste Beispiel, das Performance-Kollektiv Monster Truck mit ihrem Abend Dschingis Khan wohl das umstrittenste. Zwar gibt es auch bei Bel Momente, in denen man sich fragt, worüber man gerade lacht, wenn die einzelnen Performer ihre Tanzsoli zeigen – über die unbeholfenen Gesten etwa? Ist das nicht wieder die Zoo-Perspektive, die der Anfang überwunden zu haben schien? Aber genau das macht der Choreograf später zum Thema – alle Einsprüche lösen sich auf.

Reproduzierte Tränen

Bei Monster Truck liegt die Sache ähnlich: eine Stimme vom Rand, die Anweisungen gibt (allerdings nicht so neutral wie bei Bel, sondern penetrant pädagogisch), eine Szenerie, die (allerdings weit provokativer) die Protagonisten zunächst als eine Art Völkerschauparodie ausstellt, eine Entwicklung, die mit ihren anarchischen Brechungen jedem Einwand den Wind aus den Segeln nimmt. "Dschingis Khan" verunsichert: Was ist einstudiert, was frisch improvisiert? Was stammt aus der Arbeit mit den Schauspielern, was wurde ihnen als Konzept von außen aufgedrückt?

Zumindest bei dieser Frage sollte man nicht vergessen, dass die geistig behinderten Performer Profis sind. Bei RambaZamba, Thikwa, HORA und vielen anderen Truppen werden sie ausgebildet. Sie lernen Texte auswendig, wissen im Wesentlichen zwischen Selbst und Rolle zu unterscheiden, nennen sich selbstbewusst Schauspieler. Und sind es: Beim ersten Sehen von "Disabled Theatre" zuckt man zusammen, wenn eine der Performerinnen weint bei ihren Worten, dass ihre Behinderung ihr weh tue. Beim zweiten Mal merkt man, dass da jemand in der Lage ist, diese Tränen zu reproduzieren – Ulrich Matthes kann's auch nicht schöner.

Jeder ist willkommen

Was ist gemacht, was entwickelt, was kommt von den Schauspielern, was von der Leitung? Überhaupt: Wie weit darf ein Regisseur gehen? Fragen, die auch der Film "Alles wird gut" von Niko von Glasow stellt. Der Regisseur mit den kurzen Armen und dem Hang zu therapeutischen Ansätzen hatte 2011 mit 14 Schauspielern, die mehr oder weniger behindert sind, ein Stück über eine Casting-Show entwickelt und die Proben mit der Kamera festgehalten. Die Rollen entwickelt er eng an den Schmerzpunkten der Protagonisten, treibt sie immer wieder in Konfliktsituationen mit den anderen und sich selbst. "Willst Du wirklich was erfahren oder brauchst du das nur für deinen Film?", fragt eine Schauspielerin einmal. Viel wird geweint, viel gelacht, und in ihren Ängsten und ihren Freuden ähneln sich die Schauspieler, ganz gleich, ob sie körperliche, geistige oder keine sichtbaren Behinderungen haben.

Casting, Stück und Film beginnen mit einer Einladung, die an Franz Kafkas utopisches Naturtheater von Oklahoma denken lässt: "Jeder ist willkommen." Sie könnte als Motto über dem Inklusionstrend der Performance-Szene stehen, der sich als Win-Win-Situation erweist: Die Schauspieler mit (geistigen) Behinderungen holt er aus der Nische hinein in ein Theater, das oft im Zentrum der ästhetischen Diskussion steht und ein anderes Publikum anzieht. Mit neuen, klugen Ansätzen kann er bestenfalls die Zuschreibungs-Mechanismen der Mehrheitsgesellschaft verändern. Das postdramatische Theater wiederum braucht Reibung, braucht Menschen mit Geschichten, mit Emotionalität, Unbedingtheit, Präsenz, die jedes noch so verkopfte Konzept erden. In der Mitte angekommen sind geistig behinderte Schauspieler so noch lange nicht. Aber sie sind auf dem Weg.

[1] Ich bin mir bewusst, dass die Rede von einer "geistigen Behinderung" nicht von allen als wertneutral verstanden wird. Wenn ich eine Alternative gefunden hätte, die den Text nicht unnötig verkompliziert, hätte ich sie gewählt. Der Terminus vom "Schauspieler mit Lernschwächen" wäre falsch (weil es sich nicht um Schauspieler handelt, die sich ihren Text nicht merken können), "schauspielernde Menschen mit Lernschwächen" erweckt den Eindruck, Theater wäre nur ein Hobby. Schauspieler mit geistigen Behinderungen läuft auf dasselbe hinaus.

Zum Original geht's hier.


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