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03.11.2012

Berliner Morgenpost: Das neue HAU umarmt charmant sein Publikum

Mit drei Premieren eröffnet Annemie Vanackere ihr Haus

Die Dame hat Humor: Im WAU, der Wirtshauskantine des HAU, prangt jetzt in Neonschrift "Miau". Auch sonst ist vieles neu im Hebbel am Ufer, Berlins größter und folgenreichster Spiel- und Produktionsstätte der freien Szene, die jetzt Annemie Vanackere leitet. Janina Audick hat ihr die drei Bühnen optisch aufgemöbelt. Hier, wo auch schon unter Vorgänger Matthias Lilienthal eine Menge internationale Produktionen liefen und zugleich heftig gefeiert wurde, stehen auch jetzt wieder die hippen Leute zwischen 30 und 50 mit einem Bier oder Wein in der Hand, Schauspieler, Performer, Festivalleiter und Geldgeber, wippen mit dem Fuß zu Indierock-Rhythmen und sehen so cool aus, wie sie sich wahrscheinlich fühlen.

So verkauft sich Berlin gerne, ein bisschen hip, ein bisschen Avantgarde und extrem entspannt. Kein Wunder, dass auch der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit kam, um seine freundlichen Eröffnungsworte doppelt zu sagen: erst im HAU 2, dann im HAU 1. Hier zeigte Jérôme Bel sein gefeiertes "Disabled Theater": 11 Schauspieler mit geistigen Behinderungen oder Lernschwierigkeiten zeigen ihre teils wilden, teils versponnenen Tanzsoli und reflektieren später darüber. Bel spielt mit dem Vorwurf, seine Darsteller auszustellen, jeden möglichen Einspruch inszeniert er gleich mit, und mit welcher Energie und Unbedingtheit sich die Performer der Zürcher Truppe HORA da in ihre Auftritte hinlegen, wie liebevoll sie miteinander umgehen, wie zielgenau sie das Publikum um den Finger wickeln, ist hoch professionell, berührend und komisch.

Währenddessen verpasste das niederländische Künstlerkollektiv Wunderbaum mit "Vision out of nothing" dem HAU eine maßgeschneiderte Eröffnungsrevue. Die Antworten von Berliner Passanten auf die Frage, was sie gerne auf einer Bühne sehen würden, setzen sie im HAU 2 spielerisch um: Geheimnisvoll steigen Quallen auf und ab, zieht dazwischen ein Taucher seine Runden. Das "König der Löwen"-Musical trifft auf Flüchtlings-Sozialkritik, afrikanische Trommler treten auf, ein Pantomime bahnt sich seinen Weg. Einer der Performer fragt, was das eigentlich sei, die Gentrifizierung, von der alle sprächen, bevor er er- und bekennt: "Ich bin’s." Natürlich wird gleich ein Song draus, den die Band Touki Delphine schön lässig begleitet. Fluffig ist das, auch selbstreferenziell, ein theaterinterner Witz, der allerdings öfter mal durchhängt.

Wesentlich mehr Spannung und Kraft hat da "Schwalbe spielt falsch" im HAU 3. Die acht jungen Frauen und Männer der niederländischen Truppe Schwalbe bilden zwei Teams und versuchen nun eine Stunde lang, sich gegenseitig Kleidungsstücke abzuknüpfen. Schnell entwickeln sich so brutale wie schöne Schlachtgemälde, Szenen wie aus dem Tanztheater, in einer Unerbittlichkeit, die schmerzt und berührt. Danach gibt’s Häppchen und Sekt, ist die Party-Laune schnell wiederhergestellt. Im HAU wird gefeiert, das Publikum charmant umarmt. Ob Vanackeres Programm – der gesamte November steht im Zeichen des Neubeginns – auch für den Berliner Alltag taugt, wird sich in den Mühen der Ebene beweisen.


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