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08.11.2012

Berliner Morgenpost: Um sich die Meinung zu geigen, reicht auch der dümmste Anlass

Das mit dem Kinderkriegen sollte man sich wirklich gut überlegen. Fallen lauern überall, auch jenseits schlafloser Nächte und stinkender Windeln.

Die Namenswahl zum Beispiel: ein einziges Minenfeld. Mainstream oder Exotik? Mit der sollte man es jedenfalls nicht so weit treiben wie Vincent: Er will seinen Sohn Adolphe nennen nach einem romantischen Roman-Held. Aber die andern, die sich hier zum Abendessen zusammengefunden haben, die gastgebende Schwester Elisabeth mit Mann Pierre und der Jugendfreund Claude, hören nur Adolf – und finden das gar nicht komisch. Vincents großspuriger Clowns-Machismo prallt auf Pierres linke Bürgerlichkeit, der sich pflichtschuldigst aufregt über die blöde Idee, während sich Elisabeth ständig in die Küche zurückzieht, um eine weitere Runde arabisches Essen zu zaubern.

So zerbröselt die bürgerliche Idylle schnell zwischen Aufregerthemen und wilden Pointen in "Der Vorname", der französischen Erfolgskomödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière. Nur zwei Tage nach der deutschen Erstaufführung in Hamburg bläst Antoine Uitdehaag zum wilden Demaskierungsspiel, das nach hoher Witzdichte im bitteren Ernst mündet.

Die Bühne zur Wortschlacht, die oft an Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" erinnert, aber aus etwas gröberem Holz geschnitzt ist, liefert Momme Röhrbein: Eine elegante Pariser Wohnung unterm Dach hat er entworfen, ein bürgerlicher Traum mit vollen Bücherborden samt Leiter, weiß getünchten Ziegelwänden und einem unbenutzten Kamin unterm erblindeten Prunkspiegel. Hier sitzen die erfolgreichen, gebildeten Freunde und stochern im Couscoussalat herum, weil ihnen im Eifer der Wortgefechte der Appetit abhanden kommt. Wobei sich wieder einmal bewährt, dass das Renaissance-Theater seine Besetzungen oft aus den einstigen Ensembles der führenden Stadt- und Staatstheater rekrutiert. Peter Kremers Vincent lässt seinen Macho mühelos zum wilden Jungen werden, der nur spielen, also: provozieren will. Martin Lindows softer Pierre in Schlabberpulli und Cordhosen dreht ziemlich verbissen auf, sowie seiner politisch korrekten Welt ans Bein gepinkelt wird. Roberto Guerra gelingt schön der Übergang vom dauergrinsenden Hausfreund im Versöhnungsmodus zum irritierend standfesten Geheimnisträger, während Nadine Schori ihrer später hinzukommenden schwangeren Anna im Zickenmodus zunehmend emanzipierte, erwachsene Züge abgewinnt.

Und Anika Mauer? Macht als Elisabeth nur deshalb so lange auf konzilianten Hausfrauen-Trampel, um am Ende richtig aufzudrehen. Wenn sie den Anwesenden die Leviten liest, blitzen da die Heldinnen des klassischen Repertoires auf, so furienhaft und kindlich verletzt tigert sie durch ihre Wutsätze. Da ist der Stein des Anstoßes, das Kind namens Adolf, schon längst vergessen, was sicher eines der Stück-Erkenntnisse ist: Um sich mal richtig die Meinung zu geigen, ist auch der dümmste Anlass gut genug.


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