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26.11.2012

Berliner Morgenpost: Sänger, komm zurück auf die Bühne!

"Was ihr wollt" am Berliner Ensemble, inszeniert von Katharina Thalbach

Das Erste, was man vom Schauspieler Thomas Quasthoff hört, ist ein Renaissance-Song. Seine Stimme klingt immer noch berückend, warm und klar. Mit albernen roten Bäckchen, aber mit ernster Miene schwebt er in einem Regenschirm ein. Sein Narr ist der einzige Klarsichtige unter Liebestumben und höfischen Idioten, einer, dessen Pointen ins Mark treffen. Im Januar hat der 53-Jährige seine Gesangskarriere beendet – und rettet nun die Klugheit seiner romantischen Liedinterpretationen mit klarer Diktion und einer bewundernswerten Sprachmelodie ins gesprochene Wort. Man sieht einen contergangeschädigten, gealterten Mann in lächerlicher Aufmachung – und hört einen Weltweisen, der das Leidenschaftskarussell durchschaut. Fachwechsel mit Bravour gelungen.

Was man vom Rest dieser "Was ihr wollt"-Inszenierung nicht behaupten kann. Am Berliner Ensemble bleibt Regisseurin Katharina Thalbach der beständigen Musicalisierung des Hauses und ihrem Hang zum deftigen Boulevard treu und treibt die Komödie ins knallbunte Singspiel. Es wird geseufzt, gebrüllt und geschmachtet zwischen "I will survive", "Fever" und Deutschpop, bis es einem über ist. Es gibt ja auch genügend Baustellen: Orsino will Olivia, die sich aber in Cesario verknallt, der eigentlich Viola ist und wiederum Orsino liebt.

Zu Shakespeares Zeit wurde dieser Unmöglichkeitskreislauf samt Geschlechterverwirrung noch dadurch verschärft, dass nur Männer spielten. Thalbach nimmt das auf und lässt den androgynen Sabin Tambrea sowohl Viola wie Sebastian spielen. Auf einer Art Insel im Meer: Vorne liegen märchenhafte Muscheln herum, dazwischen öffnet sich der Graben für die drei Mitglieder der Lautten Compagney, in der Mitte dreht sich Momme Röhrbeins Hybrid aus Schiffsbrücke, Umkleidekabinen und Zirkusarena. Auf dem Rundhorizont tobt das Meer der Leidenschaften. Blöd nur, dass davon vorne nichts ankommt. Da stolpert ein Typenkabarett herum, das sich in groben Klamauk rettet, wenn es nicht gerade in sehr differierender Güte singt: Orsino ist bei Larissa Fuchs ein hysterischer Bob-Dylan-Verschnitt, Antonio läuft bei Felix Tittel als billige Jack-Sparrow-Kopie durch die Gegend, Traute Hoess bürstet ihre Mary schräg auf bayerischen Trampel. Immerhin hat Norbert Stöß’ Malvolio in gelben Strümpfen einen Auftritt, bei dem sich kurz einzulösen scheint, was Thalbach will: von der transformierenden Macht der Liebe künden. Allein: Der nächste Song, das nächste Gerammel bügeln solche Momente umgehend platt. Einmal wird der Narr gefragt: "Habt ihr denn gar keine Würde?" Quasthoff schüttelt den Kopf. Dass er bis zuletzt der Einzige bleibt, der sie besitzt, ist die einsame feine Pointe des Abends.


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