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24.11.2012

Berliner Morgenpost: Weltverbesserndes Krippenspiel

Simon Solberg inszeniert Schiller-Erzählung am Deutschen Theater

Für das Grauen gibt es keine Bilder. Als Helmut Mooshammer eine detaillierte Beschreibung jener Ereignisse in der JVA Siegburg vorliest, in deren Verlauf der 20-jährige Hermann 2006 von seinen Mithäftlingen gefoltert und erhängt wird, verstummt der Illustrationssturm. Wo in den Kammerspielen des Deutschen Theaters vorher und nachher wild kommentiert und ironisiert wird, springt ein schwer erträgliches Kopfkino an, das mehr über das unmenschliche System von Haftanstalten erzählt, als Bebilderungen das je könnten.

Diese Zurückhaltung kommt einer – beeindruckenden – Bankrotterklärung gleich, denn Simon Solberg, der erfolgreiche Klassiker-Knacker, ist sonst nie um einen visuellen Kommentar verlegen. Nach "Die Räuber" und "Don Karlos" in Basel hat er sich nun Schillers Erzählung "Verbrecher aus verlorener Ehre" (1786) vorgenommen, ein Erziehungsprojekt. Schiller berichtet von Christian Wolf, der aus miesen Verhältnissen stammt, zum Wilderer wird, um seine Liebste zu beeindrucken, im Zuchthaus landet und, auch mangels Alternativen, Räuberhauptmann wird. Als er ein ehrlicher Mann werden will, wird er gefasst und hingerichtet.

Schiller will, dass der Leser selbst entscheidet und dabei zumindest auf bedingt schuldig plädiert. Solberg ist ganz auf seiner Linie, doch zunächst erscheint das Verbrecherleben als ein Reigen heiterer Kalauer: "In Franken gibt es wieder Wölfe" kommentiert einer, als Christopher Franken die Rolle des Wolf zugewiesen wird. Elias Arens’ Nebenbuhler wirft ein Pappohr an der Angel aus, um ihn zu belauschen, Kathleen Morgeneyers Hannchen würde sich so gerne mit romantischem Augenaufschlag in Wolfs Arme werfen, allein: der Text, den die Schauspieler immer wieder vorlesen, will’s anders. Solberg zappt originell und witzig durch Klassiker und Krisenjahre, operiert mit rasanten Kostümwechseln im großen Laboratorium, das Jelena Nagorni über zwei Etagen gebaut hat, wo die Wissenschaftler in weißen Kitteln dem Rätsel von Gewalt und Menschlichkeit auf die Spur zu kommen versuchen. Dringlich wird der Spaß, weil zwei Ex-Häftlinge in Einblendungen ihre Geschichte erzählen: Beeindruckend schildern sie, wie man zum "Verbrecher aus verlorener Ehre" wird und was der Knast aus einem macht.

Am Ende kommen sie mit auf die Bühne und werkeln Waffeln backend mit an einer Utopie: Auf der norwegischen Insel Bastøy arbeiten alle Häftlinge und versorgen sich selbst, was die spätere Resozialisierung erleichtert. Mutig, sich mit dieser Utopie gegen die deutsche Verwahrungshysterie zu stellen, auch wenn’s szenisch im Krippenspiel versandet.


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