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01.02.2010

AZ Nürnberg: Verloren zwischen Koffern

In Rossinis Belcanto-Oper „Moses und Pharao“ erzählt Regisseur David Mouchtar-Samorai am Opernhaus beeindruckend vielschichtig von Religionskonflikten, Macht und Flucht.

Wer so auf gepackten Koffern sitzt, den kann man nicht zum Bleiben zwingen: Das jüdische Volk, in Ägypten wie Sklaven gehalten, will zurück ins gelobte Land. Weil der Pharao sie nicht lässt, muss Chefdiplomat Moses erst mit zehn göttlichen Plagen drohen, bevor sich das Rote Meer teilt – nachzulesen im alttestamentarischen Buch Exodus. Daraus machte Belcanto-Übervater Gioacchino Rossini die französische Oper „Moses und Pharao“ mit Gespür für Motiv-Bögen, großen Chor-Partien und Lust an der Wunder-Ausmalung. Da bleibt Luft für Hollywood-Effekte.

Regisseur David Mouchtar-Samorai wiedersteht der Versuchung zur möglichen Sandalen- und Kajal-Klamotte: Auf Heinz Hausers strenger, sich verengenden Bühne stehen die Auswanderer verloren zwischen raumbeherrschenden Koffern. Moses, neben einer Exit-Strategie auch mit Verhandlungsgeschick gesegnet, ist hier kein Glaubens-Urahn, sondern Zionismus-Begründer Theodor Herzl, der um 1900 für einen jüdischen Staat kämpfte und so den Weg nach Israel wies – wie Moses gut 3000 Jahre zuvor. Mit Rauschebart, Bürger-Anzug und sprödem, geradlinigen Bass zeichnet ihn Nicolai Karnolsky als grüblerischen Unterhändler, der zwischen Geschichts-Rückblick und Menschheitsdämmerungs-Vision seine National-Theorie entwirft.

Weil diese Sicht nur die halbe Wahrheit wäre, stellt Mouchtar-Samorai ihm einen stummen Hippie-Schamanen (Sebastian Dominik) zur Seite, der sich bei Glaubensdingen in den Mittelpunkt drängt: Als der Pharao die Juden mal wieder nicht ziehen lässt, platzen sie wie eine Horde Bettler in den dekadenten Ägypter-Kult, eine Melange aus Opernball und katholischer Messe. Im Kampf mit der anderen Religion wallt Dominik im Kreis und wirft — „Das Leben des Brian“ lässt grüßen — seinen Latschen über die Schulter: Das Heiligtum kracht zusammen, und Gottes Fingerzeig mit Heiliger Schrift erscheint.

Wo Gott nur eine gut geölte Bühnenmaschine ist, nimmt der jüdische Weltbürger Mouchtar-Samorai die Leiden des Volkes umso ernster: Der Chor, stimmlich zunehmend auf herrliche Nuancen geeicht im fahlen Aufschrei wie im innigen Gebet, wirkt in Urte Eickers 30er-Jahre-Kostümen als Ansammlung individueller Flüchtlinge, die auf das Schiff nach Israel warten – und am Ende nur vereinzelt die (europäische Kriegs-) Katastrophe überleben. Mit ihm beglaubigt der Regisseur Rossinis melodienselige Musik auch da, wo sie als zu leicht befunden werden könnte: Bei jedem neuen Freiheits-Versprechen des Pharaos tanzen die Juden, was die Trippelschritte hergeben – eine Verneigung auch vor Ruth Berghaus’ legendärer „Barbier“-Inszenierung.

Jenseits der großen Tableaus erfindet Mouchtar-Samorai wirkungsvolle Spielsituationen: Melih Tepretmez’ europäisch orientierter Pharao mit funkelndem Bass hat auch deshalb schlechte Laune, weil er sich beim Bad die Füße verbrüht — und kein Diener schaut hin. Seine Frau Sinaide beherrscht ihn mit funkelnden Augen: Wie Ezgi Kutlus Königin den pubertären Sohn mit vulkanischem Mezzo-Temperament bändigt und sich nebenbei für den Tempel-Gang auftakelt, addiert sich zur großartigen Charakterstudie. Blasser bleibt das unmögliche Liebespaar: Hrachuhí Bassénz ringt dem Leid ihrer Moses-Nichte hinreißende Spitzentöne ab, interessiert sich aber für ihr Taschentuch mehr als für David Yims Pharaonen-Sohn. Sein steifer Kraft-Tenor mit Piano-Problemen trifft den Charakter des machtbesessen Muttersöhnchens.

Und die Philharmoniker? Schärfen unter Guido Johannes Rumstadt die Wahrnehmung für Fundstücke und tasten sich auf leichten Sohlen an das tänzerische Phänomen Rossini.


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