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17.11.2012

nachtkritik.de: Heißkaltes Blut- und Bilderbad

"Bahnwärter Thiel" – Armin Petras kramt in Berlin im Unbewusstsein von Gerhart Hauptmanns früher Novelle

Vaterliebe kann etwas Wunderbares sein. Einmal steht Peter Kurth links an der Rampe vor einem Mikro und imitiert Vogelstimmen. Er zwitschert und pfeift und keckert sie, ein Megafon-Lautsprecher spuckt sie wieder aus, etwas krisselig, leise, wie von fern. Während auf der Leinwand schwarzweiße Bilder von Bäumen und Ästen flimmern, redet Kurths Bahnwärter Thiel mit dessen Sohn Tobias, erklärt ihm, warum der Eichelhäher der Polizist unter den Vögeln ist und müht sich, auf dessen Wunsch auch eine Schlange zu imitieren.

Flammende Distanziertheit

Dann vollendet er das Abendritual mit etwas, das er Schlafwolf nennt: Zärtlich jault Kurth die tierischen Laute, heult sie leise, sehnsüchtig als Liebeserklärung an den Sohn. Da vollzieht sich das Wunder des Theaters: Man sieht den kleinen Jungen mit den großen Augen vor sich, man weiß, mit welchen Gesten dieser große grobe Mann die Bettdecke des Sohnes richtet, wie er einen letzten Blick auf ihn wirft, bevor er das Licht löscht. Kurz ist Gerhart Hauptmanns Novelle "Bahnwärter Thiel" Bühne und Bild geworden, obwohl kaum etwas passiert; kurz hat Armin Petras aufblitzen lassen, was möglich gewesen wäre mit diesem Stoff, diesem Schauspieler.

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