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27.11.2012

nachtkritik.de: Glotzt nicht so romantisch

"Mahlermania" – Nico and the Navigators suchen an der Deutschen Oper einen Komponisten und finden Klatsch

Traumtänzer, Nachtwandler, Verlorene allesamt: Ein Halbnackter windet seinen muskulösen Körper auf einem Tisch, eine junge Frau im roten Sommerkleid trägt einen Koffer spazieren, ein Mann hebt anklagend Notenblätterhaufen in die Höhe. Wellen flackern über die Szene, ein Sänger fotografiert eine Sängerin; die vermeintlichen Ergebnisse erscheinen als expressive Porträts schwarzweiß über der Bühne. Dazu stelzt eine Dame herum, mit Pelz auf dem Kopf und Eis im Herzen, und schimpft akustisch Unverständliches.

Die Brocken lassen sich später als Zitate von Alma und Gustav Mahler identifizieren, wobei sich Gustav bald als leidendes Genie und Alma als männerfressende, vom Leben frustrierte, sauflustige Zimtzicke entpuppt. Nico and the Navigators haben sich nämlich vorgenommen, in "Mahlermania" die Wechselwirkungen zischen Leben und Werk Gustav Mahlers auszuloten – in der Relation viel Leben, wenig Werk.

Küchenpsychologie mit Tourettesyndrom

Das fängt schon bei Oliver Proskes grauer Bühnenlandschaft an: Hinten erstreckt sich S-förmig eine Wand mit begehbarem Höhenzug, rechts sitzen in einem Gazezylinder die Musiker, links stapeln sich Elemente, aus denen Mahlers Komponierhäuschen entsteht. Mit seiner Laubsägearbeitsfassade wirkt es weit pittoresker als das Original, später wird ein Bauhaus draus – schließlich hatte Alma noch zu Gustavs Lebzeiten eine Affäre mit Walter Gropius. Ständig qualmt wer (ja, Mahler rauchte), werden Koffer geschleppt (New York!), Äpfel angebissen, Pelze spazieren getragen. Tänzer fallen um, Narziss ertrinkt im Wasserbecken. Küchenpsychologie mit Tourettesyndrom – eine wahrlich fiese Mischung.

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