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04.12.2012

Berliner Morgenpost: Zeitalter der gefühlskalten Fische

Eine verrohte Gesellschaft in uniformiertem Einheitslook: Das Hans-Otto-Theater zeigt Horváths "Jugend ohne Gott"

Die totalitäre Gesellschaft ist eine unter Beobachtung: Das "Zeitalter der Fische" heißt der Nationalsozialismus in Ödön von Horváths 1937 erschienenem Erfolgs-Kurzroman "Jugend ohne Gott", weil die Menschen gefühlskalte Zuschauer ohne Haltung sind, geschützt vom sie umgebenden Schwarm. Wer im Marstall des Potsdamer Hans-Otto-Theaters in Alexander Nerlichs Horváth-Inszenierung nicht spielt, steht am Rand und verfolgt das Geschehen – unbeteiligt neugierig. Und greift allenfalls an den Mikrofonen ein, die an den vier Ecken des Spielfelds von der Decke hängen: als Gedankenstrom des Lehrers, Horváths Erzähler.

 

Oft hat man hier das Gefühl, dass alles nur in seinem Kopf passiert: Der Revolte-Versuch seiner Klasse, weil er sich gegen die unmenschliche Wendung in einem Aufsatz positioniert. Seine Anpassungsversuche wider die Überzeugung, um seinen Job (mit Pensionsanspruch!) nicht zu verlieren. Die Fahrt ins Zeltlager mit vormilitärischer Ausbildung, wo ein Mord geschieht. Seine Feigheit, dann sein Mut, die Wahrheit zu sagen. Die krimihafte Suche nach dem Mörder.

Was Horváth in kurzen, einfachen Sätzen als Tagebuch-Entwicklungsroman und inneren Monolog formuliert, erhält bei Nerlich visuelle Kraft: Die Spielfläche wird durch immer neue weiße Bahnen markiert, auf der sich René Schwittays Lehrer gegen eine ihm lange überlegende Klasse von nur vier fies lächelnden und fischig blickenden Jungs kämpft wie ein Boxer. Im Zeltlager fahren die entsprechenden Sandsäcke von der Decke, deren schwarzer Inhalt den Boden bald zum Dreckkampfgebiet macht. Stühle türmen sich zu Treppen und zum Dickicht. Alles, was hier geschieht, wird von einer Art himmlischer Überwachungskamera aufgenommen und an die Wand projiziert, wo sich fantastische Überlagerungen ergeben: Plötzlich kommen Berührungen zustande, die unten, in der Realitätsarena, unmöglich sind.

So machen Nerlich und sein Ausstatter Wolfgang Menardi die verrohte Gesellschaft sicht- und spürbar: Im uniformierten Einheitslook erweisen sich die Jungs nur in der Gruppe stark. Gefährlicher noch sind die spießigen, ideologisch gleichgeschalteten Erwachsenen der Mittelschicht. Nur die Dämonisierung des Pfarrers mit blutrotem Wein und einem Kreidekreuz, das sich gegen Ende in ein Hakenkreuz verwandelt, erscheint fragwürdig. Während die jugendliche Kraftmeierei der Schüler bei Florian Schmittke, Eddie Irle, Friedemann Eckert und Arne Gottschling gut aufgehoben ist, landen psychologische Momente oft in der Karikaturenfalle. Ohne effekthaschende und beifallsheischende Zuspitzungen scheint es in Potsdam nicht zu gehen. Es bleibt ein wichtiger, verstörender Abend.


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