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08.12.2012

Berliner Morgenpost: Witzige Miniaturen gehen in einer Ideen-Flut unter

"Nach Westen, nach Westen!" im Ballhaus Ost

Auf diesem Laufsteg bleibt jeder Glamour fadenscheiniger Budenzauber: Billigste Parkettimitat-Folie klebt auf ihm und dem Rahmen, der sich schräg durch die Etage im 4. Stock des Ballhaus Ost schiebt. Der Riegel teilt das Publikum in zwei Hälften. Gleich zu Beginn gehen die halbtransparenten weißen Gardinen herunter, da witzeln die drei Frauen über die Vierte Wand (also das, was in konventionellen Inszenierungen die Schauspieler so agieren lässt, als wären die Zuschauer nicht da), die ja auch eine Mauer sei. Und über die Wende, die sie vollführen müssen, um sich beiden Publikumsteilen zuzuwenden.

 

Schon ist man mitten drin im Thema von "Nach Westen, nach Westen!" vom Kollektiv Der Elefant im Raum: Die drei Frauen, alle in den letzten Jahren der DDR geboren, untersuchen ihre Biografie – oder das, was sie dafür ausgeben. Denn obwohl sie unter ihrem echten Namen auftreten, wird klar, dass es sich bei ihnen nicht um Alltags-Expertinnen handelt, sondern um Schauspielerinnen, die autobiografische Theaterformate parodieren. Sie spielen also Performerinnen, die sich verhaspeln, mit viel zu großen Gesten wedeln und auch sonst keine besonders gute Figur machen. Unter ihren echten Namen behaupten sie hartnäckig, Halbschwestern zu sein, also das Produkt eines Vaters. Dessen fiktive Biografie wird mit den eigenen erfundenen Lebensläufen verschnitten: 1953 geboren, als Arztsohn und Sportler ein Versager, als Keramiker ein Widerständler im Kleinen. Während Anne Grabowski, Ulrike Sophie Rindermann und Janina Rudenska mit dem Charme einer Dilettanten-Truppe seine Lebensstationen nachspielen, zischelt Tim Tonndorf, sonst an der Gitarre für den stimmigen Soundtrack zuständig, Spitzelberichte ins Mikro.

Streckenweise hat der wirre Abend blankpolierte Momente: wenn wie zufällig Choreografien entstehen. Wenn sich die improvisiert wirkenden Sätze zu Jelinek’schen Assoziationsketten verdichten. Wenn die Vision einer Strandbar in Bali mit DDR-Geschirr aufscheint. Doch die witzigen Miniaturen gehen in einer Flut von Ideen unter. Die Ost/West-Frage taucht eher am Rande auf: Einmal rätseln die Frauen über die besonderen DDR-Gerüche, später moderiert Tonndorf fies eine Kinderrunde nach der Wiedervereinigung, weil der Westen die Ossis ja ziemlich bevormundet hat. Und dann natürlich die Frage: Sind Ossis und Wessis nicht auch irgendwie Halbgeschwister, die lange nichts voneinander wussten? Währenddessen kristallisiert sich ein neues Thema heraus: Kann man der jüngsten Geschichte mit Identifikation und Authentizität beikommen? Eher nicht, sagen die Macher um Regisseurin Holle Münster. Aber so geht’s auch nicht.


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