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14.12.2012

nachtkritik.de: Im Tag-Asyl

"Sommergäste" – An der Schaubühne zeigt Alvis Hermanis mit Gorki eine Gesellschaft von Unbehausten

Ziemlich elegant muss es hier mal zugegangen sein, vor der Revolution. Jetzt klettern an den Wänden des Jugendstilsaals die Pflanzen hoch, bricht sich das Licht trübe im bemoosten Oberlicht, hängen provisorisch angebrachte Kabel wie müde Girlanden von der Decke. Die Scheiben sind zerborsten, absurd verlaufende Rohre lassen ahnen, was das Haus im Sozialismus überstanden hat. Um das zentrale Schlafsofa aus den 50ern schichten sich niedergetrampelte Bücher, rechts steht eine alte Badewanne, dazwischen Stühle, Kartons und viel Dreck.

Es ist eines dieser typischen Alvis-Hermanis-Bühnenbilder, die Kristīne Jurjāne ihrem Regisseur auf die weite Breite der Schaubühne gebaut hat zwischen Traumbild und Hyperrealismus. Hier gehen Gorkis Mittelstandsbürger auf Sommerfrische umher, schleichen wie Untote auf ihre Posten, hysterische Somnambule, die schon viel zu lange in ihren zerschlissenen Jahrhundertwende-Kostümen stecken und ihren Text vor sich hinsprechen.

Geschlossene Penner-Gesellschaft

Bei der Uraufführung 1905 müssen die "Sommergäste" eine ziemliche Provokation gewesen sein, schließlich spiegelte Maxim Gorki das Publikum als untätige, ziellose Spießer und Schwätzer. Nur eine Handvoll Leute, die sich von sozialistischen Gedanken anstecken lassen, dürfen am Ende aufbrechen aus der geschlossenen Feriengesellschaft. Die ist bei Hermanis noch ein bisschen hermetischer, schließlich hat er sämtliche Dienerfiguren (und auch die Liebhabertheatertruppe) gestrichen. Am Ende packt nur Warwara Michailowna, die Projektionsfläche mannigfacher Wünsche und Begierden, ihre Bündel und Taschen, und zwar in einen mausgrauen Hackenporsche, um mit einem finalen "Ich will leben!" das Totenhaus zu verlassen.

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