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15.01.2013

Berliner Morgenpost: Der Furor der Désirée Nick

Rache mag süß sein, schützt aber nicht unbedingt vorm Happy End in Eric Assous' "Ein Mann fürs Grobe"

Als die herrische Verlegerin Severine nach Jahren die Chance bekommt, ihren um Gnade und einen Job bettelnden Ex-Mann als Putzkraft zu erniedrigen, zieht sie alle Register. Dass die beiden am Ende dennoch zusammenkommen, riecht man schon nach wenigen Minuten. Vom französischen Dramatiker Assous ist man besseres gewohnt. Am Schlossparktheater etwa wird immer noch "Achterbahn" gespielt. Dessen Überraschungen und Abgründe fehlen in der Komödie um untreue Männer und zickige Frauen völlig. Vom fiktiven Kleinverlag über das Personal bis zum Schlüpfrigkeitshumor stammt alles aus der Schablonenkiste der Boulevard-Klamotte, abgemischt mit "König Drosselbart"- und "Männer sind Schweine"-Motiven: ein schmieriger Liebhaber, der was mit der Assistentin hat, ein maßlos entspannter Bürobote, der sich als Sohn der Chefin herausstellt, eine Autorin, die als Ex-Geliebte des Ex-Manns ihre Geschichte aufschreibt und so der Verlegerin sämtliche intime Details der einstigen Affäre zukommen lässt. Und am Ende ein geläutertes Paar, das jetzt erst weiß, was es aneinander hat. Humor ist, wenn man trotz der Story lacht.

Wenn's schon keine Charaktere gibt, sondern nur Witz-Lieferanten, dann kann man's auch so machen wie Désirée Nick. Sie schwebt mit einer raumgreifenden Damenhaftigkeit über die Bühne, wie es sich sonst nur noch Dragqueens trauen und grollt ihre Rachearien mit einem Furor, der so unverschämt übertreibt, dass es schon wieder beeindruckt. Sie steigt so hochtourig ein, dass eine Steigerung kaum möglich ist, worunter die Spannung ersten Teil merklich leidet. Nach der Pause aber startet sie neu durch mit frisch gespitzter Zunge. Auch am Ende kann man sich zwar schlecht vorstellen, wie Achim Wolffs ergrauter Gigolo a.D. mit dieser Taschen-Diva zusammenpassen will. Aber angenehm ist es doch, wie er als mobschwingender "Mann fürs Grobe" die gereckte Kleine-Mann-Faust, den reuigen Sünder und den Business-Akademiker im Arbeiter-Pelz unter einen Charakter bekommt. Sein Kampf mit der Espresso-Maschine könnte in die großen Duelle Technik-Mensch Eingang finden.

Aus dem ordentlichen Rest des achtköpfigen Ensembles sticht vor allem Anne Rathsfeld als matronenhafte Ex-Geliebte mit Geheimnislächeln und Zickenpotential heraus. Der Rest liefert sauber skizzierte Routine mit exakt gezirkelten Pointenabwurfstellen. Wer mehr will, ist mit Assous’ "Achterbahn" besser bedient.


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