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29.12.2012

Nürnberger Nachrichten: Nervöse Kandidaten gaben alles für den Traumjob in Fürth

Es muss nicht immer gleich ganz Deutschland sein – in diesem Fall reicht es schon, wenn Fürth den Superstar sucht, um für nervöse Kandidaten zu sorgen. Für eine Musical-Produktion sichtete das Fürther Theaterteam 100 Kandidaten in Berlin. Wir waren dabei.

Zwar fläzen sich die Schauspieler und Sänger, die zum Musical-Casting gekommen sind, betont lässig in den Foyer-Sesseln in der schicken Jahrhundertwende-Fabriketage im Berliner Stadtteil Steglitz. Doch dann schmeißt eine Wartende ihre Kaffeetasse um, ein anderer tigert vor der Tür des Saales auf und ab und blubbert seine Gesichtsmuskeln locker; aus der Toilette dringen Einsingtöne. Kurz: Es kribbelt in der Luft.

Drinnen herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Vorne steht zwischen gusseisernen Säulen das Klavier, daneben markiert ein Kreuz auf dem Boden, wo die Bewerber stehen sollen. Gegenüber sitzen an einem langen Tisch Intendant Werner Müller und das künstlerische Team, das die deutsche Erstaufführung von „next to normal – fast normal“ am 11. Oktober 2013 im Stadttheater Fürth verantwortet: Regisseur Titus Hoffmann, der musikalische Leiter Christoph Wohlleben und Choreografin Melissa King. Eben hat es ein junger Mann versucht, ein Schauspieler, der auch so klang – nach einem Song wird er wieder rausgeschickt. Dustin hingegen, der im Anschluss für die Rolle des Henry vorsingt, beeindruckt durch stimmliche Präsenz: Mühelos gleitet er ins Falsett in „Richtig für dich“. Hinterher soll er einen Witz erzählen. Er überlegt eine Weile, dann fällt ihm ein ziemlich dämlicher ein, den er aber derart szenisch ausgestaltet, dass man ihm gebannt zuhört.

Ein Talent, das ihm die Rolle einbringen könnte. Denn „next to normal“ von Texter Brian Yorkley und Komponist Tom Kitt ist ein Kammermusical, das nur dann funktioniert, wenn die Charaktere sowohl stimmlich als auch körperlich feingezeichnet werden. Die genre-untypische Geschichte handelt von einer durchschnittlichen Kleinfamilie. Bald stellt sich heraus, dass Mutter Diana ein ernsthaftes Problem hat: Sie ist manisch depressiv. Sensibel und realitätsnah lotet das Textbuch die Höhen und Tiefen aus, durch die Diana, ihr Mann Dan und ihre Tochter Natalie gehen.

Harter Tobak für ein Musical, in dem selbst die handelsübliche Liebesgeschichte zwischen Natalie und ihrem Verehrer Henry ziemlich kompliziert ist. Dennoch erwies sich „next to normal“ nach seiner New Yorker Uraufführung 2008 als Überraschungshit: Die Off-Broadway-Produktion erhielt drei Tony-Awards (von 11 Nominierungen), unter anderem für die beste Originalkomposition, zog an den Broadway um und wurde 2010 mit dem Pulitzerpreis fürs beste Drama ausgezeichnet – bei Musicals eine Seltenheit.

Regisseur Titus Hoffmann hatte sich bald nach der Uraufführung die Rechte für eine deutschsprachige Produktion gesichert und übersetzte das Werk. „Die kommerziellen Produzenten fanden das Stück zwar spannend, hielten es aber für zu riskant“, erzählt Hoffmann. Also besann er sich seiner guten Fürth-Kontakte – als Schüler des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums jobbte er schon im Einlassdienst des Stadttheaters. Das komplexe Thema und seine Umsetzung überzeugten Intendant Werner Müller schnell, „next to normal“ ans Haus zu holen: „Das ist ein Musical mit Anspruch, mit so etwas haben wir Erfahrung.“ Schließlich liefen in Fürth schon ähnlich gelagerte Shows wie Steven Sondheims „Das Lächeln einer Sommernacht“ und Jason Robert Browns „Die letzten fünf Jahre“.

Weil solche Produktionen nur mit genresicheren Profis zu stemmen sind, veranstaltete das Stadttheater in Berlin das große Casting: Gut 1000 Bewerbungen wurden gesichtet, 100 Kandidaten eingeladen und an zwei Tagen im Zehn-Minuten-Rhythmus durchgeschleust. Ein immenser Kraftakt, den die vier Juroren nur mit Notizen, Kaffee und schwarzem Humor bewältigen. Die vielen Wiederholungen besitzen immerhin den Vorteil, dass sich die Ohrwurmqualitäten der Songs offenbaren. „Superboy und die unsichtbare Fee“ zum Beispiel geht einem schon nach zwei, drei Malen nicht mehr aus dem Kopf. Rock, Pop, Folk und Jazz sind in die Komposition eingeflossen, die später eine Band aus Geige, Cello, Keyboard, Synthesizer, Gitarre, Bass und Schlagzeug interpretieren wird.

Die Begleitung hatte beim Casting Pianist Tobias Bartholmeß übernommen. Als er abends nach Hause geht, sitzen die vier Juroren noch und beraten – anders als im Fernsehen hinter verschlossenen Türen.


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