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24.01.2013

Berliner Morgenpost: Der letzte Moralist

Volker Lösch zählt zu einer gefährdeten Spezies: dem politisch-engagierten Regisseur. Nun inszeniert er "Draußen vor der Tür"

Label sind verführerisch, gerade bei einem Mann wie Volker Lösch. "Agit-Prop-Regisseur für Gehirnamputierte" hat man ihn genannt. "Theater-Erneuerer" und "Spiel-Vogt" schallt es der Häme entgegen. Zugleich wird er als einer der politischsten Theatermacher in Deutschland geehrt: Bei der Nachfolgesuche für die Intendanz des Leipziger Schauspiels war er der Favorit der Expertenrunde (deren Votum die Stadt allerdings ignorierte). Mitte 2012 wurde ihm der mit 13.000 Euro dotierte Lessing-Preis des Freistaats Sachsen zuerkannt. "In den Bürger-Chören seines Theaters erhalten die Übergangenen und Nichtbeachteten, die Marginalisierten und Ausgegrenzten eine eigene Stimme", begründet die Jury ihr Votum.

Wenn am 25. Januar an der Schaubühne Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" Premiere hat, stehen allerdings – wie in den meisten von Löschs Inszenierungen – nur Profis auf der Bühne. Einer von ihnen ist Ensemblemitglied Felix Römer – wegen seines Bandscheibenvorfalls im vergangenen März musste die Premiere kurzfristig abgesagt werden.

Jetzt steht sie wieder auf dem Plan. An Löschs Konzept hat sich in der Zwischenzeit nichts verändert. In Wolfgang Borcherts Drama kehrt der einstige Wehrmachtssoldat Beckmann nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft als physisches wie psychisches Wrack in seine Heimatstadt zurück und wird überall abgewiesen. Nirgendwo kann er seine Schuld loswerden, nicht mal die Elbe will ihn als Selbstmörder haben. Das "Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" (so der Untertitel), traf den Nerv der Zeit und wurde nach seiner Hamburger Uraufführung 1947 ein bis heute andauernder Erfolg.

Sicher auch, weil Borcherts Drama die Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit spiegelt. "'Draußen vor der Tür' ist ein großer Verdrängungstext", sagt Lösch: "Er spricht nicht von Opfern, nicht von Juden, stattdessen stilisiert er einen Täter zum Opfer." Deshalb verschneidet Lösch den Text mit Protokollen von Gesprächen, die Wehrmachtssoldaten in britischer und amerikanischer Kriegsgefangenschaft geführt haben und dabei abgehört wurden. Harald Welzer und Sönke Neitzel entdeckten die Aufnahmen durch Zufall und gaben sie 2010 unter dem Titel "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten, Sterben" heraus. Kaltschnäuzig sprechen da die Soldaten über das Töten von Zivilisten, prahlen mitunter auch mit ihren Taten: "Die Sache hat mir einen Mordsspaß gemacht."

"Man kann auf dieser Grundlage eindeutig sagen: Die Wehrmacht war verbrecherisch", sagt Lösch – und versucht, mit diesen Gesprächen Borcherts Text zu durchdringen. Denn Beckmann ist auch ein Täter: "Er versucht mit Menschen zu reden, die ihn verstehen, er unternimmt den bizarren Versuch, seine Verantwortung dafür, dass Kameraden umgekommen sind, rückwirkend abzugeben." Lösch ist einer der wenigen verbliebenen Moralisten unter Deutschlands angesagten Regisseuren. Nahezu systematisch dekliniert er die wunden Punkte der Gesellschaft durch und lässt immer neue Randgruppen zu Wort kommen – an der Schaubühne zuletzt Sexarbeiterinnen in "Lulu – Die Nuttenrepublik" und ehemalige Häftlinge in "Berlin Alexanderplatz". Wenn jetzt sieben Profis statt eines Laienchores sich der historischen Stimmen annehmen, dann ist das nur ein Wechsel der Mittel, nicht der Methode. Alle Schauspieler sind Abspaltungen Beckmanns, sie stehen für die vielen Namenlosen, die beschädigt aus dem Krieg heimkehrten.

Erheben will sich Lösch mit seiner Mischung aus Soldatenworten und stilisiertem Heimkehrer-Schicksal nicht über eine ganze Generation, zu der auch seine Großeltern gehören: "Sie mussten verdrängen, um zu überleben", sagt der Regisseur. "Wenn sie alle über ihre Schuld gesprochen hätten, hätten sie sich umbringen müssen. Das sagt einem jeder Traumaforscher."

Für die Verdrängung hat Löschs Bühnenbildnerin Carola Reuther ein leuchtendes Bild gefunden: Flauschig weich fügen sich Auslegwarestreifen hügelig zur schwarz-rot-goldenen Landschaft. "Da liegt unser deutscher Geschichtsmüll drunter", erklärt Lösch, der hier, vor dem so intensiv flirrenden Teppich-Rausch in der Schaubühnen-Probehalle in Reinickendorf unheimlich schnell redet, um sehr wortreich zu erklären, worum es ihm geht, als wolle er sichergehen, dass er auch richtig verstanden wird.

Auch jenseits des Theaters: Seit Jahren engagiert er sich gegen Stuttgart 21. Mit der Stadt ist Lösch eng verbunden: Acht Jahre lang war das dortige Schauspiel seine künstlerische Heimat, bis zum Ende der Intendanz Hasko Weber wird er dort als Hausregisseur 15 Inszenierungen erarbeitet haben. Wenn Weber im nächsten Jahr nach Weimar wechselt, wird auch Lösch wieder mit ihm zusammenarbeiten, "allerdings nicht fest". Das Nationaltheater ist vertrautes Terrain für ihn: Zwei Jahre war er dort einer der ersten Westschauspieler kurz nach der Wende.

In Stuttgart ist dann Schluss, sagt Lösch – und wagt dann doch mal ein Lächeln: "Das ist jetzt schon überzogen, glaube ich. Zu unserem Job gehört sowohl Kontinuität als auch Wechsel. Diese acht Jahre waren enorm schöne und wichtige Jahre, aber alle, die da gearbeitet haben, sind froh, jetzt woanders weitermachen zu können." Und Armin Petras? "Er muss da jetzt was Neues machen, ein eigenes Profil finden. Und das wird ihm natürlich gelingen."


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