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28.10.2009

AZ Nürnberg: Leidenschaftliche Querköpfe in Akkordgewittern

Jubiläums-Triumph des ensemble KONSTRASTE mit Haydn-Furor in der Nürnberger Tafelhalle.

Ein Sturm, nein, ein Orkan braust durch den ersten Satz von Joseph Haydns „Abschiedssinfonie“ – mit kammermusikalischer Leidenschaft und voll vibrierendem Klang. Dass „Papa Haydn“ eigentlich ein Stürmer und Dränger ist, haben im Jubiläumsjahr viele Orchester bewiesen. Aber – in Nürnberg zumindest – keines so radikal, lebenssprühend und emotionssatt wie das ensemble KONTRASTE.

Beim Auftakt ihrer Jubiläumsspielzeit in der Tafelhalle konfrontierten sie Haydns Sinfonien 45 und 49 mit zwei Werken von Heiner Goebbels. Wo Haydn in seiner „Abschiedssinfonie“ Dissonante Akzente setzt, sich in ferne Tonarten versteigt und das Orchester instrumentweise nach Hause schickt, entwickelt Goebbels in „Red Run“ von 1991 crossovernden Witz, wenn eine Primas-Geige über sphärigem Keyboard-Dauerklang taumelt, minimalartige Wiederholungen und Jazzrhythmen von elektroverstärkten Akkordgewittern zerschnitten werden und gegen

Ende die Stimmen ruhig auspendeln.

Dass hier zwei originelle Querköpfe aufeinandertreffen, bewiesen die KONSTRASTE- Musiker auch nach der Pause. Spaß am Zupacken hat das um Schlagzeug und Sampler verstärkte Blechbläserquintett bei „Herakles 2“ von 1992 ebenso wie das Kammerorchester, dass sich mit aufgewühlter Innigkeit in „La passione“ stürzt: Die frische, angeraute Elegenz, mit der das hellwache Aufbrausen im zweiten Satz abgefedert wird, retten sie ins Menuett und ins leidenschaftsbebende Finale, wo Hörner und Oboen herrlich weiche Einwürfe anmelden. Dafür gab’s von der nur zur Hälfte gefüllten Tribüne so frenetischen Jubel, dass die Musiker den letzten Satz wiederholten. Und hoffentlich auf CD pressen.


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