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11.02.2013

Berliner Morgenpost: Spaß an den dunklen Seiten

In Katie Mitchells Stück geht es auf wenig deprimierende Weise um eine depressive Frau. Ein Treffen mit der Engländerin

Aktueller geht es kaum: Gerade wird in Deutschland heftig über alltäglichen Sexismus diskutiert, jetzt steht an der Schaubühne "Die gelbe Tapete" von Charlotte Perkins Gilman auf dem Programm, eines der Schlüsselwerke feministischer Literatur und in englischsprachigen Ländern ebenso berühmt wie Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht". Bei uns sind die amerikanische Autorin und ihre Erzählung von 1892 in Deutschland ziemlich unbekannt. Mit der Premiere am 15. Februar dürfte sich das ändern. Schließlich führt Katie Mitchell Regie, die seit ihrem Deutschland-Debüt zu den bekanntesten Kulturimporten gehört – ihre Kölner Inszenierung von Franz Xaver Kroetz' "Wunschkonzert" wurde 2009 zum Theatertreffen eingeladen, seitdem gilt für ihre Arbeiten höchste Aufmerksamkeitsstufe.

In ihrer Kurzgeschichte erzählt Perkins Gilman von einer Frau, die nach der Geburt ihres Kindes an Depressionen leidet. Ihr Mann, ein Arzt, isoliert sie zur Erholung in einem Landhaus. Beim Starren auf die gelbe Tapete ihres Zimmers wird sie allmählich verrückt – anders als die Autorin, die Mann und Kind verließ und zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen wurde. "Die gelbe Tapete" gehört zu Mitchells Lieblingsbüchern. "Ich hätte nie gedacht, dass ich es jemals in Deutschland inszenieren könnte", erzählt sie. Obwohl sie schon länger über eine Bühnenversion nachdachte, kam der Impuls von der Schaubühne. Mitchell will die Jahrhundertwende-Geschichte als eine von Heute erzählen: "Es geht um ein wohlhabendes hippes junges Paar aus Berlin, dass ein Landhaus in Brandenburg hat."

Auch in ihrer zweiten Berliner Regiearbeit (nach Strindbergs "Fräulein Julie" 2010) wird sie auf der Bühne mit Kameras, Geräuschemachern und vielen Requisiten einen Live-Film zusammensetzen. Allerdings gibt es Neuerungen: Gleich zwei Sounddesigner kümmern sich um die akustischen Spezialeffekte, außerdem übernimmt zum ersten Mal ein Dokumentarfilmer den Schnitt. "Er schneidet viel schneller als seine Vorgänger in unseren Produktionen, macht den Stil nervöser", sagt Mitchell. Schließlich will sie keinen deprimierenden Abend abliefern, sondern einen Thriller. Was schon in der Erzählung angelegt ist, die streckenweise an Edgar Allan Poe erinnert.

Dass Mitchell Spaß an diesen dunklen Seiten hat, glaubt man ihr sofort. Sie ist auf ihre Weise typisch britisch, schmal, mit feinem Lächeln und wachen Augen, die aufleuchten, sobald sie von etwas begeistert wird oder einen trockenen Witz erzählt. Einmal schneidet sie zur Illustrierung absurde Grimassen, dann, als das Gespräch auf die hochtechnisierten Proben kommt, schnappt sie sich einen Block und Stift und skizziert die Situation: eine Bühne im Kabelwust, davor sie und ihr 25-köpfiges Team – allein fünf Menschen sind für die Videos verantwortlich.

Die Ergebnisse ihrer Arbeitsweise sind bei aller technischen Raffinesse und allem Personal-Gewusel auf der Bühne erstaunlich poetisch: Während unten die Kamera-Leute zu sehen sind, jeder Handgriff bei den Geräuschemachern und den Requisiteuren sitzt und Körperdoubles auf ihren Einsatz warten, setzt sich oben auf der Leinwand ein perfekt inszenierter Film zusammen. Der berührte bei Kroetz' "Wunschkonzert" besonders, weil sich die Verlorenheit der stumm ihren Feierabend wie ein freudloses Pflichtprogramm absolvieren Frau in der durchökonomisierten Produktionsweise spiegelte. Bei Strindbergs schwülstigem Jahrhundertwendedrama "Fräulein Julie" faszinierte der neue Blickwinkel: Mitchell erzählte die Geschichte um das verwöhnte Adelsgirlie aus der Dienstboten-Perspektive.

Entwickelt hat Mitchell ihr aufwendiges Verfahren zufällig, als sie in London 2006 an einer Bühnenversion von Virginia Woolfs Roman "Die Wellen" arbeitete. "Da geht es ja mehr um Gedanken als um Handlung, also hatte ich den Eindruck, dass es besser wäre, eine Kamera auf die Gesichter zu halten", erzählt Mitchell. Weiterentwickelt habe sie dieses System vor allem wegen Karin Beier. Die Kölner Intendantin sei nicht nur eine großartige Kollegin, sondern auch eine intellektuelle Weggefährtin. Schließlich birgt Mitchells Stil hohe finanzielle Risiken – der technische und personelle Aufwand ist enorm, allein ihr festes Team umfasst zwischen 10 und 15 Mitarbeiter.

In Köln hat sie auch deshalb ideale Arbeitsbedingungen gefunden, weil das Theater Verständnis für sie als alleinerziehende Mutter hat. Mitchells Tochter ist 7, sie hat eine tolle Nanny, auch der Vater kümmert sich um sie. "Aber besonders freudvoll ist die Situation nicht." Womit wir wieder beim Thema Alltagssexismus wären. Zwar hat Mitchell Sexismus nie intensiv erlebt. Aber sie kennt die patriarchalen Strukturen, die verborgenen Regeln, die es Frauen schwer machen, sich im Theaterbetrieb durchzusetzen: "In Großbritannien verdienen Frauen im Kulturbereich im Schnitt einen Pfund weniger als die Männer – pro Stunde."

Für Mitchell selbst ist das inzwischen kein Problem mehr – sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland ist sie enorm erfolgreich. Bis vor Kurzem gehörte sie als eine von drei "Associate Directors" dem Leitungsteam des Londoner National Theatres an, sie inszeniert in ganz Europa und in New York an Theatern, Opernhäusern und auf Festivals. Sie weiß, wie privilegiert sie ist, zwischen den Kulturen wechseln zu dürfen, es geschafft zu haben. Mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Stolz erzählt sie davon, dass ihre Produktionen auf dem Kontinent wie "Fräulein Julie" jetzt zunehmend nach Großbritannien eingeladen werden.

Einen anderen Erfolg nimmt sie allerdings mit Humor: 2009 erhielt sie von der Queen den Orden des Britischen Empires und darf sich seitdem OBE nennen. "Natürlich ist das eine zwiespältige Ehre für jemanden, der dem Königshaus kritisch gegenübersteht", sagt sie. Ihrer Familie bedeute die Auszeichnung viel, Freunde von ihr waren kritischer und forderten, die Ehrung abzulehnen, erzählt sie mit einem Lächeln: "Denen habe ich geantwortet: Ich bin alleinerziehende Mutter und wir haben eine Rezession – ich nehme den Orden!"


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