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30.01.2013

nachtkritik.de: Altjüngferliche Stiefsohnliebe

"Phädra" – Am Berliner Renaissance-Theater hat Corinna Kirchhoff als Racines stiefsohnliebende Königin ziemlich schlechte Laune

Für diesen genervten Blick gibt's zustimmendes, erleichtertes Gelächter aus dem Publikum: Önone rollt die Augen, ihr Mund zuckt spöttisch. Schließlich hat sie's nicht leicht mit ihrer Herrin Phädra, die eben ihrem Stiefsohn ihre sie innerlich verzehrende Liebe gestanden hat, und nun, da dieses Bekenntnis offensichtlich nicht so gut ankam, so lange grübelt, bis ihr ein Grund für seine Zurückweisung eingefallen ist: War der Junge vielleicht überfordert, weil er noch keine Erfahrung mit Frauen hatte?

Önone soll's also mal wieder richten, und das, wo doch im Renaissance-Theater ihr und uns längst klar ist, dass es für diese Phädra keine Rettung gibt: Blass und verheult tastet sie sich an der Klagemauer entlang, die sich mitsamt einem Steg schräg ins Parkett schiebt. Schmal wirkt sie, ausgelöscht, leer stiert der Blick ihrer geröteten Augen in die Ferne. Phädra leidet – und lässt es jeden wissen, auf der Bühne und im Zuschauerraum.

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