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14.02.2013

Berliner Morgenpost: Dieser "Macbeth" lädt nur zum heiteren Philosophenraten ein

Robert Borgmann inszeniert Shakespeares Tragödie am Gorki

Nanu – was machen denn Hannah Arendt und Martin Heidegger da? Spazieren seelenruhig über die Bühne des Maxim-Gorki-Theaters, auf der eigentlich gerade William Shakespeares "Macbeth" läuft. Sie rezitiert liebevoll aus einem Brief an ihn, er sagt beim Abgang: "Natürlich bin ich nicht Heidegger." Sondern der Schauspieler Andreas Leupold, der Heidegger spielt, der wiederum "Sein und Zeit" geschrieben hat über den Sinn des Seins überhaupt. Und Arendt prägte den Begriff von der Banalität des Bösen.

 

Was das alles für "Macbeth" bedeutet? Sicher eine Menge. Robert Borgmann geht in seiner dreistündigen Inszenierung aber nicht weiter darauf ein, ebenso wenig wie auf alle übrigen, zahlreichen Verweise und Zitate, mit denen er die auf einige Brocken zusammengestrichene Tieck-Übersetzung längt. Daran, dass man in vielen Stadt- und Staatstheater-Inszenierungen die Handlung kennen (oder sie sich denken) muss, hat man sich ja allmählich gewöhnt, aber Borgmann treibt das mit seinem Assoziationssturm noch einmal auf die Spitze. Tief greift er in die Kiste des Regietheaters, findet dort den Vorschlaghammer und den Zauberstab. Aber was er einmal zertrümmert, kriegt er mit allem Aufwand nicht mehr zusammengeklebt.

Dabei gibt es durchaus Anhaltspunkte: Der Polyeder, der auf der Bühne geheimnisvoll schwarz vor sich hinglänzt und, bei entsprechender Beleuchtung, den Blick freigibt auf Lady Macbeth in weißer Toga, stammt aus Dürers "Melencolia I"-Stich. Es könnte also darum gehen, Shakespeares Drama von 1606 um Mord und Totschlag, Macht und Machtmissbrauch zu einem generellen Nachdenken über Leben und Tod zu erweitern. Stattdessen aber entwickeln sich die vielen Einschübe zu einem heiteren Philosophenraten: War's Kant? Benjamin? Foucault?

Das Problem: In ihrer Vieldeutigkeit wirkt die Text-Collage beliebig, und das Feuerwerk an szenischen Ideen, das Borgmann (auch als sein eigener Bühnenbildner) daran zu zünden versucht, verpufft, ohne andere Spuren zu hinterlassen als die Erde, die den Polyeder umgibt und irgendwann an allem und allen klebt. Da wären zum Beispiel die Foto-Collagen, die eine Schauspielerin mit blutigen Händen an der Nähmaschine zusammennäht und die auf eine Leinwand übertragen werden – Mao, Churchill, der Papst und Kriegsszenen, vom Schicksalsfaden zusammengetackert. Klar, Gewalt ist auch heute allgegenwärtig. Aber zum einen ist das eine Binse, zum andern ist davon nach der Pause keine Rede mehr, auch nicht von der beeindruckenden Videoinstallation an der Decke, wogendes Wasser, in das Schauspieler ihr Gesicht tauchen und ins Publikum hinabstarren. Gegen Ende wirken auch die szenischen Einfälle nur noch lächerlich: Da versuchen die Schauspieler, den inzwischen nur noch als Gerüst existierenden Polyeder anzuheben oder umzustürzen, wird mit weißer Farbe, Wasser und Dreck gemanscht, geben Kamera-Blicke Perspektiven frei, die zu nichts führen. Und den Einfall, Lady Macbeth in eine sich bauschende Stoffblase zu stecken, um von drinnen heraus Kamerabilder zu senden, versuppt völlig im Halbdunkel. Immer, wenn ein Bild nicht zum nächsten passt, läuft die Nebelmaschine heiß.

Mit den Ideen zersplittern die Figuren: Textteile werden von allen im 12-köpfigen Ensemble gesprochen, die Hexen-Prophezeiung fährt Macbeth als Epilepsie in die Glieder, aber wenn's um die wahren Beweggründe ihres Handelns geht, vernuscheln die sonst so großartigen Ensemble-Mitglieder Albrecht Abraham Schuch (neulich noch Humboldt in der "Die Vermessung der Welt"-Verfilmung) und Anne Müller als blutrünstiges Psycho-Paar ihren Text. Er muss sich durch alle Ticks spielen, die man so darstellen kann, sie wirft mit wilder Elisabth-I.-Perücke und im Latexoberteil böse Blicke in die Runde. Die andern stürzen sich in grotesken Klamauk, dazwischen stakst eine riesige Krähe herum, während Friederike Bernhardt am Flügel romantisch in den Akkorden wühlt. Atmosphärisch ist die Musik ja, auch auf der Bühne, wo sich die tapfere Truppe zu Bach-Chorälen formiert. Aber was sollen uns diese ins Jenseits blickenden Glaubensbekenntnisse hier?

Sicher: Die Produktion musste kurz vor der Premiere den Ausfall eines Darstellers und eine Verschiebung verkraften. Das allein kann diese nach allen Seiten offene, spannungslose Wirrnis-Katastrophe aber nicht erklären. Dieser Abend der intellektuellen Nebelkerzen bietet zu wenig Sein bei zu viel Zeit. Es ist ein Jammer.


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