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02.03.2013

Berliner Morgenpost: Ein letzter glücklicher Moment vor dem Freitod im Wasser

Zu Hebbels 200. Geburtstag wird seine "Maria Magdalena" im Berliner Ensemble als magischer Realismus entfacht

Muss man sich als junge Frau eigentlich unbedingt in den Brunnen stürzen, wenn man unehelich schwanger wird und der Vater mit Selbstmord droht für den Fall, dass man ihm Schande mache? 1843 vielleicht schon, als mit Friedrich Hebbels "Maria Magdalena" das letzte bürgerliche Trauerspiel entstand. Aber heute?

Im Pavillon des Berliner Ensembles wagt Nicole Felden, Regieassistentin am Haus, zum 200. Hebbel-Geburtstag die Probe aufs Exempel. Der bigotte Kleinbürgersinn steckt in uns allen, behauptet Katrin Kerstens Bühne. Die Stühle und Podeste, auf denen das Publikum sitzt, gleichen denen vorn, wo Felden einen magischen Realismus entfacht: Auch die Schauspieler der abwesenden Charaktere bleiben auf der Bühne. Je stärker Klaras Welt aus den Fugen bricht, desto chaotischer werden die Stuhlreihen, bis sie sich ganz auflösen, wenn die Emotionen durchgehen.

Das wirkt dann auf der kleinen Spielfläche etwas lächerlich, und auch sonst gäbe es von diesem Abend mit lauter Pappkameraden und unreifen Bürschchen, bei denen der Widerling ebenso gut oder schlecht ist wie der brave Bursche, nicht viel zu berichten, wäre da nicht das zentrale Gegenpaar: Klara und ihr Vater, der moralisch vernagelte Meister Anton, der sich bis zuletzt rechtschaffen glaubt und über der Leiche seiner Tochter zu sagen hat: "Ich verstehe die Welt nicht mehr!" Roman Kaminski knattert ihn dunkel dräuend und aufbrausend: Das ist vorgestrig und trifft’s in seinem Übermaß doch.

Kaminski bildet den dunklen Grund, vor dem Larissa Fuchs ihre Klara erfrischend unprätentiös herausarbeitet, eine junge Frau, die ihren Kummerballast nicht als Eisenkette, sondern als melancholischen Schatten mit sich trägt. Um ihr Glück geht es ja schon lange nicht mehr, nur noch um die Vermeidung ihrer – und damit des Vaters – öffentlichen Demütigung. Ein aussichtsloser Kampf dieser herb Glühenden. Zum Schluss gönnt ihr Felden, anders als Hebbel, zusammen mit dem Bruder einen kurzen, selbstvergessenen, glücklichen Moment. Bis ein Wort von ihm sie an ihren Plan erinnert. Dass sie ins Wasser geht, statt zu rebellieren, wirkt da längst wie eine angemessene Verweigerungshaltung in einer Gesellschaft, die kein Pardon kennt.


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