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01.03.2013

nachtkritik.de: Das Klappern der Erinnerung

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" – Am Berliner Deutschen Theater besorgt Stephan Kimmig die Uraufführung von Eugen Ruges Bestseller

Letztlich ist das Alter eine Frage der Haare. Trägt Kurt sie voll und dunkel, bewegen wir uns vor dem Jahr 1970, werden sie heller und fisseliger, nähern wir uns der Wende. Vollglatze heißt: 2001. Das ist markant, eindeutig, hilft bei der Orientierung in einer Geschichte, die derart vor- und zurückspringt wie Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts".

2011 erschienen, erzählt er von vier Generationen einer Familie zwischen 1952 und 2001: Die Kommunistin Charlotte kehrt mit ihrem zweiten Mann Wilhelm aus dem Exil in Mexiko zurück nach Deutschland, um die junge DDR mit aufzubauen. Ihr Sohn Kurt hat in Russland den Gulag erlebt und macht jetzt Karriere als Historiker, ihr Enkel Alexander spürt zunehmend die Enge des Staates, ihr Urenkel Markus interessiert sich primär für Saurier. In seiner verschachtelten Dramaturgie wechselt Ruge immer wieder die Perspektive, kriecht in die Figuren, wertet nicht, sondern schildert die Welt aus ihren Blickwinkeln. Das sind nicht unbedingt die "Buddenbrooks", wie einige Kritiker jubelten, aber doch der faszinierend gewobene Beweis, dass das Private immer auch politisch ist – und umgekehrt.

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