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26.02.2013

Berliner Morgenpost: Bauerntheater im klinisch weißen Bühnenraum

Frank Abt zeigt "Stallerhof" in den Kammerspielen

Es gibt Theaterabende, die funktionieren wie Versuchsanordnungen. Franz Xaver Kroetz’ Volksstück „Stallerhof“ zum Beispiel: Geschrieben 1971 als Anklage in stilisierter bayrischer Mundart, mit vielen Pausen in den kargen Dialogen und gefordertem Bauernstuben-Realismus. Haben Behinderte ein Recht auf Liebe, auf Nachwuchs?, fragt Kroetz. So hart, wie die Bauerneltern mit ihrer Beppi umgehen, gleich zu Beginn und später erst recht, wenn der alte Knecht Sepp sie geschwängert hat, lautet die Antwort: Ja.

Weil so eine aufklärerische Geste heute etwas eingestaubt wirkt, versucht es Frank Abt an den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit einem behutsamen Experiment: Er setzt die Figuren in stilisierter Tracht in einen klinisch weißen, ausweglosen Kasten, der sich später nach hinten weitet. Doch die Enge, die hier immer zuerst eine geistige ist, bleibt haften. Außerdem hat Abt eine Vermittler- und Erzählerfigur eingefügt: Thorsten Hierse steht da in heutiger Alltagsmode allein auf der Bühne, sagt Titel, Autor und Rollen auf, erzählt dann die erste Szene inklusive aller illustrierender Bühnenanweisungen: Beppi versucht, eine Postkarte ihrer Patentante zu lesen und wird bei jedem Fehler von ihrer Mutter beschimpft und geschlagen.

Von nun an tastet sich Hierse als teilnehmender Beobachter durch die vierköpfige Versuchsanordnung, als für die anderen Beteiligten offensichtlich unsichtbarer Fremdenführer aus dem Heute, als Beppis Souffleur und emotionaler Resonanzraum. Szenisch ist zunächst wenig zu holen bei dieser kargen Versuchsanordnung. Wo bei Kroetz geschwiegen wurde, um die drückende Atmosphäre auf dem Stallerhof atmen zu lassen, sagt Hierse hier: „Pause“. Wo bislang auf der Bühne die gesamte Drastik-Palette gezeigt wurde zwischen Schlägen und Vergewaltigung, erzählt Hierse das Geschehen, während die Figuren emotionslos verharren.

Und wo sonst studierte Schauspielerinnen – in der Uraufführung etwa Eva Mattes – die Beppi verkörperten, steht nun zum ersten Mal eine behinderte Schauspielerin auf der Bühne: Mereika Schulz kommt vom Theater Thikwa, einem der beiden großen Berliner Ensembles für behinderte und nichtbehinderte Künstler. Abt ist sich allerdings auch der Gefahr bewusst, mit seiner Besetzungspolitik einerseits platt zu illustrieren, zum andern Schulz’ Fähigkeiten darauf zu reduzieren, sich selbst zu spielen. Deshalb umkreist Hierse sie als zärtlicher Spielemacher, gibt ihr Stichworte, spricht oft ihren Text mit, und in dieser Doppelung steckt nicht nur die Ungewissheit, ob Hierse gerade souffliert, sondern vor allem Verfremdung und Irritation. Außerdem entsteht so ein neuer Freiraum zu höchst reduziertem Spiel: Oft sitzt Schulz’ Beppi mit traumverlorenem Lächeln da, streicht durch ihr Haar und lässt die Geschichte passiv über sich ergehen. Dann wieder spricht sie ihre Texte mit einer erstaunlichen Ironie und Distanz, während sie die tödlichen Redewendungen und Sprichwörter, die Beppi von den Eltern eingetrichtert bekommt, in all ihrer Litaneihaftigkeit entlarvt.

Der Tribut für all die Sachlichkeit: Lange bleibt der Abend thesenhaft, trotz der punktgenauen Charakterisierungen von Matthias Neukirchs Staller, Isabel Schosnigs Stallerin und Markwart Müller-Elmaus Sepp, der sensibel den Spagat zwischen Underdog, Vergewaltiger und Vater wagt. Aber dann, bei Kroetz’ angehängter Fortsetzung „Geisterbahn“, als Beppi auf- und ausbricht mit dem Kind, einem Holzklotz, und zu Sepp in die Stadt zieht, also eine Utopie aufscheint, da beginnt dieser Abend dann doch so innerlich und verhalten zu glühen wie Thorsten Hierses Erzähler.


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