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16.03.2013

Berliner Morgenpost: "Mein Zuhause ist ein Koffer"

Romeo Castellucci ist einer der extremsten Theaterregisseure. Jetzt hat sich der Italiener an der Schaubühne ausgetobt

Es braucht für einen Künstler nicht viel, um fundamentalistische Christen auf die Palme zu bringen. Aber das, was der italienische Regisseur Romeo Castellucci 2012 erlebte, war doch ziemlich heftig: Noch bevor "Sul concetto di volto nel figlio di Dio" ("Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn") seiner Theatertruppe Socìetas Raffaello Sanzio im Hebbel am Ufer (HAU) gastierte, kommentierte der als gemäßigt geltende Kardinal Rainer Maria Woelki: "Das ist unanständig. Es gibt keinen Grund, sich etwas anzusehen, was nur der Provokation dient." Dabei ging es im Stück um das christliche Thema der Fürsorge, um die schwierige Beziehung eines Sohnes zu seinem dementen Vater – vor einem überdimensionierten Christusbild von Antonello da Messina, das am Ende von Kindern mit Handgranaten beworfen und von Fassadenkletterern zerstört wurde.

 

Romeo Castellucci gilt als Visionär und Provokateur, als einer der wichtigsten Köpfe des europäischen Theaters. Seit er 1981 zusammen mit seiner Schwester Claudia und seiner Frau Chiara Guidi die Socìetas gründete, entfaltet er in seinen weltweit tourenden Inszenierungen mit Theater, Musik, Malerei und Hightech einen vergifteten Theaterzauber, der in seiner Opulenz beeindruckt, ohne zum Selbstzweck zu werden. Wenn er 1997 in "Julius Cäsar" Fettleibige, Magersüchtige, einen Greis und einen kehlkopfoperierten Schauspieler in den Ring schickte, dann sagte das jeweils Wesentliches über die Figuren. Und die Eröffnungsszene in "Hey Girl!" von 2007, in der sich eine schmale nackte Schauspielerin langsam aus einer wächsernen Hülle schälte, ließ sich ebenso als Metapher auf die Geburt wie auf die Selbstwerdung lesen.

Trotz diverser Preise, Festivaleinladungen, Leitungsjobs und Ehrungen ist Erfolg für ihn kein Begriff, "das sagt mir nichts". Als Bezugsrahmen sei das Theater doch eher klein: "Ich mache keine Filme oder Fernsehen, sondern Theater – da ist es schwierig, größenwahnsinnig zu werden." Verschmitzt fügt der 52-Jährige, der mit seinem markanten Gesicht und dem schwarzen Haar immer noch ziemlich jung wirkt, hinzu: "Ich mache die Arbeit eines kleineren Gottes." Denn das Theater liebt er, weil sich Sprache, Malerei und Philosophie, also "die stärksten Dinge" der Kunst, zu einem "Double des Lebens" fügten.

Nach zahlreichen Gastspielen erarbeitet Castellucci jetzt zum ersten Mal eine Produktion in Deutschland: Am 17. März hat "Hyperion. Briefe eines Terroristen" nach Friedrich Hölderlin als Höhepunkt des F.I.N.D.-Festivals an der Schaubühne Premiere. Schon bei Castelluccis letztem Berlin-Gastspiel im vergangenen Herbst bei Foreign Affairs ging es um Hölderlin: In "The Four Seasons Restaurant" schnitten sich die jungen Schauspielerinnen mit einer Schere zunächst blutig die Zungen ab, die dann der Hund fraß, bevor sie Verse aus Hölderlins Dramenfragment "Der Tod des Empedokles" deklamierten. Seine Inszenierung nach Motiven und Texten von Hölderlins Briefroman von 1797/99 versteht er als zweiten Teil eines Doppelprojekts: "Auch hier wird die Hauptfigur von mehreren Frauen dargestellt – Hyperion wie Empedokles sind ja keine Figuren im eigentlichen Sinne, sondern Denkräume", sagt Castellucci. Bewusst arbeitet er diesmal mit dem Originaltext, also in deutscher Sprache, mit den Schaubühnen-Ensemble-Mitgliedern Luise Wolfram, Eva Meckbach und einem Star: Angela Winkler.

Stilistisch knüpft er an den Vorgängerabend an: Auf der mit weißen Plastikbahnen abgehängten Probebühne in Reinickendorf bewegen sich Rosabel Huguet und Luise Wolfram synchron, formen weite Gesten, ahmen Heldenposen nach, lassen anmutig die Arme fallen. Vor ihnen liegt Castellucci, zeigt und erklärt auf Englisch und Italienisch, wie es aussehen soll, setzt sich danach an den Laptop und startet die Musik. Ins knarrende Raunen und dunkel dräuende Rauschen mischen sich Fragmente von romantischem Liedgesang und Kinderstimmen, während die Bewegungen der Frauen wirken, als erwachte ein antiker Fries in Zeitlupe zum Leben.

Schließlich geht es um Griechenland, um das antike wie um das des 18. Jahrhunderts, das für Hölderlin aber in seinem Verfall ein Bild für Deutschland war. Der junge Hyperion kämpft für die Befreiung Griechenlands vom Osmanischen Reich, verzweifelt aber an der Rohheit des Krieges. "Er merkt schnell, dass die eigenen Kampfgefährten dasselbe machen wie seine Feinde", sagt Castellucci. Nachdem sein Freund fliehen muss und die Geliebte stirbt, geht Hyperion nach Deutschland, wo es aber auch nicht besser ist – berühmt sein Ausspruch: "Ich kann kein Volk mir denken, dass zerrissener wäre, wie die Deutschen."

Für Castellucci hat das nichts mit der heutigen Griechenland-Krise zu tun; das Deutschland-Zitat "würde ich heute auf ganz Europa anwenden", sagt er. Am Ende zieht sich Hyperion nach Griechenland zurück und lebt als Einsiedler in und mit der Natur, von der er sich Erlösung erhofft. Dass die Natur Zufluchtsort wird für Hölderlins Figuren, die sich am Ende immer in der Einsamkeit wiederfinden, fasziniert Castellucci. "Einsamkeit ist doch auch ein Merkmal der heutigen Epoche, vor allem in den großen Städten", sagt er. Er selbst mag große Städte, "je größer, desto besser", obwohl er in Italien isoliert auf einem Berg lebt. Dort ist er allerdings selten: "Mein Zuhause ist eigentlich ein Koffer", sagt er lachend. Und seine sechs Kinder? Als sie noch jung waren, waren sie immer dabei und oft Teil seiner Arbeiten. Drei von ihnen, Agata, Teodora und Demetrio, haben mit der Kompanie Dewey Dell ihre eigene Tanztruppe geschaffen, mit der sie gerade in der Tanzfabrik arbeiten – "wir sehen uns sehr oft!"

Den Vorwurf, dass gelegentliche Skandale willkommene Werbung für seine Arbeit seien, weist Castellucci vehement zurück. Die Katholiken-Proteste etwa waren "schrecklich für mich und die Schauspieler", erinnert er sich. "Viele Zuschauer sind mit einer völlig verzerrten Erwartungshaltung in die Vorstellungen gekommen. Die subtileren Aspekte sind dabei untergegangen." Bei "Hyperion" immerhin sind religiöse Proteste nicht zu erwarten. Der Held sucht das Göttliche in der Natur – und Pantheisten sind bekanntlich kaum zu beleidigen.


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