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21.03.2013

Berliner Morgenpost: Der Jungterrorist scheitert an der Ziellosigkeit seiner Wut

"Jonas Jagow" im Gorki-Studio

Das hat uns gerade noch gefehlt: Ein Hobby-Terrorist will Berlin in Schutt und Asche legen. Natürlich kommt es nicht dazu, denn Jonas Jagow scheitert an der Ziellosigkeit seiner jugendlichen Wut. Nicht mal ein niedersausender Meteorit hilft – er taugt nur zur Touristenattraktion. Für "Jonas Jagow" erhielt der 25-jährige Berliner Michel Decar 2012 den Förderpreis des Theatertreffen-Stückemarkts, also: eine Uraufführung am Maxim Gorki Theater. Das hat sich dafür den vielversprechenden Nachwuchsregisseur Jan Gehler gesichert. Dessen "Tschick"-Uraufführung nach Herrndorfs Bestseller in Dresden war derart auf den melancholikomödiantischen Punkt inszeniert, dass sie bundesweit zum Festivalliebling avancierte.

 

Doch "Jonas Jagow" ist aus anderem Holz geschnitzt als die lineare Roman-Aneignung: eine wilde Textorgie, durchsetzt mit literarischen Zitaten von der Bibel über Schiller und Brecht bis Heiner Müller (mindestens), konkreten Berlin-Orten und erfundener Stadtgeschichte, einem satirischen "Chor der Ober- und Unterbürgermeister", mit knalligen Überschriften statt Szenen und überbordendem Personal, ohne Handlung, aber mit Rhythmus. Kurz: eine atmosphärische Zustandsbeschreibung der Stadt voller großartiger Miniaturen, der für die Regie unendliche Möglichkeiten bietet.

Gehler interessiert sich bei diesem Berlin-Porträt vor allem für den stolpernden Antihelden und seine Truppe. Also stricken die neun Leipziger Schauspielstudierenden, Matti Krause als Jonas und Anne Müller in allen Frauenrollen Szenen, wo es bei Decar nur Dialogfetzen oder Textfragmente gibt, skandieren etliche Passagen chorisch, überspitzen andere mit satirischen Karikaturen. Kurz: Sie machen sich den Text handlich.

Sicher, das kann man alles machen mit "Jonas Jagow". Aber wozu? Decars unerbittlicher Rhythmus wird nun durch Stimmungen ersetzt, die das Stück verzwergen. Beliebig und konfus wirkt der Bühnenreigen auf der Studio-Spielfläche aus Wüstenhügeln mit fünf Occupy!-Zelten, um den das Publikum sitzt. Dabei gibt es starke Momente: Etwa wenn Matti Krause, meist lieb oder melancholisch aus seinen großen Knopfaugen blickend, gegen Ende der zwei Stunden dann doch noch zur großen Revolutionsrede anhebt. Oder wenn Anne Müller, nach einem weiteren Wortschwall, als eine von Jonas' vielen (Ex-)Freundinnen leise sagt: "Ach Jonas, lass doch mal". Da wirkt die Miniaturwüste plötzlich wie ein Sandkasten. Dass Jonas kein großes Licht ist – geschenkt. Aber wie das Stück mit seinem Namen jeden Umsturzimpuls feiert und zugleich beerdigt, voller Sehnsucht nach Sinn steckt und doch die Macht des Faktischen siegen lässt, das hat mehr Größe, als diese gemütliche Lagerfeuerrunde mit Berlin-Satiren ahnen lässt.


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