Archiv Referenzen

23.11.2009

AZ Nürnberg: Räuber Hotzenplotz trifft Marie Antoinette

In der Tafelhalle luden die Geschwister Pfiste rin eine aberwitzige Showbiz-„Klinik“.

Dschungelcamp war so was von 2008! Wer ein bisschen Medienrummel braucht, kommt „In der Klinik“, wie Ursli Pfister kalauern würde. Denn dieser Über-Show der Indiskretionen ist kein Abgrund zu tief, keine Steigerung zu aberwitzig, keine Choreografie zu absurd.

In der fast ausverkauften Tafelhalle kramen Fräulein Schneider, Toni und Ursli Pfister im Promi-Nähkästchen, finden sich selbst aber ohnehin am interessantesten. Tonis routiniertes Showmastergeraune geht über in Kabarett-Querschläger, wenn Ursli mit suchtverhangenem Blick die Nebenwirkungen der Schulmedizin preist oder Fräulein Schneider (noch so ein Kalauer) ihr Gesicht mit der Abwrackprämie hat liften lassen.

Kurz vor der Pause lahmen die Ideen trotz der Songs zwischen Nat King Cole und Laurie Anderson, Bing Crosby und Esther und Abi Ofarim, die die Geschwister und das Jo Roloff Trio mit schrägen Arrangements souverän entstauben.

Doch nachdem der Natursteinkamin und die Fundus-Leuchten dekoriert sind für die große 3-Jahres-Feier der Klinik, trifft Räuber Hotzenplotz auf Marie Antoinette, und unter jedem Kostüm versteckt sich – unmotiviert, aber hey, so funktionieren Shows nun mal — Katze, Hund und Pferd (Ursli mit gewagten Hufen-High-Heels und Waschbrettbauch-Korsett allein ist den Abend wert).

Ein bisschen ist es also wie immer: Tobias Bonns Toni pflegt britisches Understatement, Christoph Martis Ursli schlägt hollywoodreife Pfauenräder und Andreja Schneider gurrt osteuropäisch lasziv aus der Hüfte. Die Geschwister feiern Dekonstruktion und Apotheose des Showbiz in einem, und auch wenn „In der Klinik“ nicht unbedingt Lou Reeds angestimmter „Perfect Day“ ist, so doch ein ziemlich gelungener Abend zwischen Kleinkunst und großer Revue.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung