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25.03.2013

Berliner Morgenpost: Der Chef sorgt selbst für den Höhepunkt

Das F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne enttäuscht

Was Festival-Programme wollen, ist egal, solange sie hochkarätige Gastspiele und überzeugende Premieren versammeln. Wenn's da hapert, guckt man genauer. F.I.N.D. an der Schaubühne zum Beispiel steht für Festival Internationale Neue Dramatik. International war diese 13. Ausgabe zweifelsohne – aber neue Dramatik? Es gab ein Projekt der griechischen Gruppe BLITZ sowie die deutschsprachige Erstaufführung eines Stücks, das bereits 1995 seine Uraufführung erlebte. Dazu Friedrich Hölderlins "Hyperion"-Roman von 1797/99, den man auch dadurch nicht zeitgenössisch kriegt, dass man den darauf basierenden Abend "Hyperion. Briefe eines Terroristen" nennt. Der italienische Bilderfinder Romeo Castellucci stilisiert Hölderlins Titelfigur zum terroristischen Rebell: Etwa zehn Minuten lang durchsucht ein Sondereinsatzkommando eine bürgerliche Wohnung, haut sie kurz und klein und wirft das Publikum aus dem Saal. 20 Minuten später ist die Bühne fast leer. Ein Kind und drei Schauspielerinnen deklamieren pathosgeladen die wenigen Textauszüge. Was sie damit wollen, leuchtet nur bei Angela Winkler auf: Plötzlich begreift man jedes Wort ihrer Deutschen-Schelte. Drumherum türmen sich Bilder aus der Behauptungsecke, Wolken, schwarze Farbe, ein Schwert, eine Knarre. Das ist höchstens unfreiwillig komisch.

 

Witz immerhin besitzt die deutschsprachige Erstaufführung von Rodrigo Garcías 18 Jahre altem Stück "Notizen aus der Küche", wo zwei Männer kochend eine Frau umgarnen. García hatte vor zwei Jahren für einen F.I.N.D.-Höhepunkt gesorgt, als er "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch" selbst inszenierte. Patrick Wengenroth, der die "Notizen"-Regie kurzfristig übernommen hat, organisiert mit Lucy Wirth, Niels Bormann und Urs Jucker sowie Musik und Video eine witzige Nummernrevue, auch wenn es immer mal wieder arg ächzt im Klischeegebälk. Nur bleibt das etwas harmlos angesichts von Beziehungen, die den Konsumterror imitieren.

Auch das erste von zwei prominenten Gastspielen schwächelte: Während Ungarn gerade politisch an den rechten Rand rutscht, erzählt Kornél Mundruczós "Frankenstein-Projekt" davon, wie ein junger Mann nach und nach seine missratene und zersplitterte Familie abmurkst. Merke: Die heutige Gesellschaft ist ein Kind der von gestern – und da sah es in Ungarn ja auch kompliziert aus. Für das Berliner Gastspiel wurde die mindestens fünf Jahre alte Produktion ziemlich bemüht aktualisiert – dennoch bricht gegen Ende alle Spannung in sich zusammen, wenn sich die Behauptung, das alles sei real, nicht mehr aufrecht erhalten lässt. Damit sorgte Schaubühnenchef Thomas Ostermeier für den Festivalhöhepunkt: Seine drei Jahre alte Inszenierung von Herbert Achternbuschs "Susn" von den Münchner Kammerspielen beeindruckte mit einer großartigen Brigitte Hobmeier, die sich durch die Stationen einer bayerischen Frau quasselt und dabei an sich, den Männern und dem Leben scheitert. Zwar hat das Stück selbst schon 33 Jahre auf dem Buckel, aber hier leuchtet's auf, als wär's von Heute.


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