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23.03.2013

nachtkritik.de: Wie das wogt

Wellen – In Potsdam erweckt Barbara Bürk Eduard von Keyserlings Roman zum Bühnenleben

Nanu, wo sind sie denn, die titelgebenden Wellen? Auf der Bühne des Hans Otto Theaters jedenfalls nicht: Die schräge Parkettfläche mit ihren wenigen Showstufen am vorderen und am hinteren Ende, den paar Plastikstühlen, Tischplatten und ‑böcken, zwei roten Kordeln sowie einem etwas versteckten Flügel wirkt eher, als sei sie nie übers Probenstadium hinausgekommen. Auch die Kostüme: eine Skizze, eine Vorstudie bestenfalls, hier ein flüchtig angehefteter Cul de Paris, dort ein paar knallige Farbtupfer, Glanzleggins unterm Jackett, ein Bikini mit riesiger Schleife überm Po.

Doch wie das wogt auf der Bühne, vor- und zurückläuft, wie die Emotionen auf- und niederschäumen, wie das geradezu impressionistisch flirrt bei allen satirischen Zuspitzungen, das hat nicht nur etwas Wellenartiges, sondern trifft vor allem Eduard von Keyserlings Roman von 1911 genau. Dort vibriert das Licht, wandelt sich unablässig das Meer und wird damit das Symbol fürs Leben, das natürlich mit leidenschaftlichen wie komischen Zuspitzungen nicht geizt: Die adlige Familie von Buttlär kommt zur Sommerfrische an den Ostseestrand, wo bereits die geschiedene Gräfin Doralice mit ihrem Mann Hans lebt, einem Maler, mit dem sie einst durchbrannte. Ihre Schönheit und ihre Geschichte machen sie zur verbotenen Frucht, und so umkreisen die Buttlärs sie bald in Abneigung und Begehren wie Motten das Licht.

"Wellen" ist ein weiser, lebenskluger Roman von makelloser sprachlicher Schönheit, einer, der, auch wenn er die Probleme einer verdämmernden Epoche verhandelt wie den Standesdünkel des Adels, so entspannt welthaltig bleibt, dass sich die Frage erübrigt, warum man ihn heute noch lesen oder erzählen sollte. Zumal Keyserling mit milder, liebevoller Ironie auf seine Figuren blickt – eine Perspektive, die die Regisseurin Barbara Bürk zusammen mit vielen Proben von Keyserlings Erzählkunst in ihre kluge Stückfassung rettet: Immer wieder wechseln die Figuren bruchlos den Ton und erzählen auktorial, als stellten sie sich neben sich und blickten durch die Autorenaugen auf sich selbst.

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