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05.04.2013

Berliner Morgenpost: Im Grunde unvorstellbar

Sven Lehmann hat das Deutsche Theater geprägt. Mit 47 Jahren ist der Schauspieler verstorben

Es gibt eine Szene in Michael Thalheimers "Faust I" am Deutschen Theater (DT), da stehen nur Faust und Mephisto an der Rampe. Endlich hört Ingo Hülsmanns Faust zu reden auf, Mephisto schaut ihn schräg von unten an, legt dann seinen Kopf an Fausts Oberkörper und schnuppert an ihm wie ein Tier. In dieser Geste, während der die Zeit stillzustehen scheint, liegt eine Zärtlichkeit und verlorene Trauer, die ahnen lässt, dass Mephisto mehr will als eine Wette gewinnen: ein bisschen Wärme, ein bisschen Dankbarkeit, ein Wesen nur für sich. Und dass er am Ende leer ausgehen wird.

Es sind Momente wie diese, die Sven Lehmann seit 2001 zu einem der prägenden Schauspieler im an Stars reichen Ensemble des Deutschen Theaters gemacht hat. Er war der Mephisto auch im "Faust II", der John in "Die Ratten", der alte Baumert in "Die Weber", der Wagin in "Kinder der Sonne", jener Rolle, in der er am 7. Dezember 2012 zum letzten Mal auf der Bühne stand. Am Mittwochabend ist er, nur 47 Jahre alt, in Berlin nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Woran er litt, wussten nicht mal die Ärzte genau, vermutlich war es ein weit gestreuter Krebs. "Man konnte ihm nur beim Wenigerwerden zusehen", beschreibt es eine DT-Mitarbeiterin.

Wer das Deutsche Theater vor allem unter Bernd Wilms und Ulrich Khuon erlebt hat, kann es sich ohne Lehmann kaum vorstellen, so prominent wurde er immer wieder besetzt. Zu recht. 1965 im sächsischen Borna geboren, studierte er an der Berliner Schauspielstarschmiede "Ernst Busch", bevor er ans Bremer Theater (1994-97) und an das Bayerische Staatsschauspiel in München ging.

Seit 2001 gehörte er zum DT-Ensemble, und obwohl er nebenbei auch immer wieder für den Film und das Fernsehen drehte, in Hans-Christian Schmids "23" und Friedemann Fromms "Die Wölfe", in mehreren Tatort-Folgen und im Polizeiruf 110 zu sehen war, bleibt vor allem seine Bühnenpräsenz in Erinnerung: sein relativ kleiner, drahtiger Körper. Sein metallisch-erdiges Timbre, sein Sprechen, das bei aller Genauigkeit und Verständlichkeit immer so klang, als stemmte er sich gegen etwas, als mahlte es erst den Sinn aus den Wörtern. Sein klarer Blick, in dem sich Melancholie und Härte trafen.

Vor allem zusammen mit Michael Thalheimer schuf er dabei Figuren, die sich ins Gedächtnis frästen: "Emilia Galotti" wurde 2001 ja auch deshalb zur 70-minütigen Kultveranstaltung, weil Lehmanns Prinz ein herzwundes Opfer seiner Gefühle und des strengen Taktes war, von dem er sich fortreißen ließ. Ein Melancholiker mit harter Schale auch sein Werschinin in "Drei Schwestern" und sein Franz in "Unschuld" – alles Charaktere, die sich im üblichen Thalheimer-Stakkato immer ihren eigenen Ton bewahrten und ihre Würde erkämpften.

Zuletzt brillierte er bei Stephan Kimmig, als kauziger, geradezu bösartiger blinder Seher Teiresias, der sich die Visionen aus Mark und Knochen zu pressen schien, und in Yasmina Rezas "Ihre Version des Spiels" an der Seite von Corinna Harfouch als großspuriger Bürgermeister mit Sprechdurchfall: Obwohl er da hohl dröhnte und schwafelte, ließ er seiner Figur doch einen Sympathie-Schimmer. "Seine Figuren konnten rabiat und schroff, aber auch unendlich zart sein", würdigt ihn DT-Intendant Ulrich Khuon. "Immer waren sie lebenswarm. Es ist schwer weiterzuarbeiten ohne ihn. Er fehlt."


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