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08.04.2013

Berliner Morgenpost: "'N Haufen Kohle" im Gorki: Telenovela und Spaghettiwestern

Krawumm! Eben noch stemmte einer den anderen hoch in die Luft, jetzt stürzen sie gemeinsam auf die ordentlich krachende Bodenplatte des Kampfrings.

Sofort schnellen sie wieder in die Höhe, zeigen ihren Fans mit Machogesten, dass sie noch im Rennen sind und stürzen sich erneut aufeinander mit derart großen Gesten, dass man noch auf die Distanz erkennt: Ist ja alles bloß Theater. Schließlich geht es beim Wrestling nicht in erster Linie um den körperlichen Wettbewerb, sondern um die perfekt choreografierte, verletzungsfreie Show. Insofern ist die Bühne des Maxim Gorki Theaters schon der richtige Ort für den Lucha Libre (Freikampf).

Eine Überschneidung von Theater und Realität, wie sie typisch ist für Antú Romero Nunes, das erstaunlichste Regiewunderkind der Berliner Theaterszene. Vor vier Jahren startete er als 25-Jähriger bei Armin Petras im Studio mit "Der Geisterseher", er inszenierte in Hamburg, Frankfurt, Wien. Mit seiner Ernennung zum Hausregisseur verrechnete sich Petras nicht: Romero Nunes' Inszenierungen von "Rocco und seine Brüder", "Zeit zu lieben" und "Die Räuber" sind allesamt Publikumsrenner – für "Die Räuber" erhält er in diesem Jahr den Friedrich-Luft-Preis.

Petras vertraute seinem Regiestar derart, dass er ihm auch für "'N Haufen Kohle", seine letzte Arbeit am Haus, kurzfristig die große Bühne überließ. Denn bei der Stückentwicklung in Mexiko, für die eigentlich der Berliner Dramatiker Mario Salazar den Text schreiben sollte, begegnete Romero Nunes den Luchadores Tinieblas Jr. und Marabunta Jr. Von ihrer geballten Energie und alltagstheatraler Lebendigkeit war er derart begeistert, dass er das neue Stück zusammen mit seinem deutsch-mexikanischen Team um sie herumstrickte.

Der Story um einen Überfall, alltägliche Gewalt und Korruption kann man allerdings nur folgen, wenn man den Programmzettel aufmerksam studiert hat. Zumal die Ästhetik auf der Bühne zwischen Scheinrealismus und lässiger Improvisation, Telenovela und Spaghettiwestern schwankt. Darüber sprechen Andreas Leupolds Leo und Aenne Schwarz' Catrina merkwürdige Bewusstseinsströme, in denen es um (sexuelle) Identitätskrisen geht. Auch, dass Romero Nunes die spanischsprachigen Passagen vom Rand aus übersetzt und immer wieder in die Handlung eingreift, macht die Sache nicht klarer. Ein Höhepunkt des Abends ist, wie er er berührend persönlich von seiner Begegnung mit einem mexikanischen Waisenkind spricht und zu gefühliger Musik im Publikum Geld sammelt. Das er dann verbrennen will – ein spannender Moment der Verunsicherung, dem zu wenig weitere folgen.


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