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15.04.2013

Berliner Morgenpost: Arrogante Reiche, einfältige Diener, mutige Kinder

Grips-Theater zeigt ein Stück gegen Wasserverseuchung

Wasser ist ein kostbares Gut. Wie kostbar, erfahren viele Menschen in ärmeren Ländern der Welt täglich, weil sie kaum eine Chance auf sauberes Wasser haben. Damit das auch jeder versteht, läuft auf der Bühne des Grips-Theaters der Zähler mit: In den knapp eineinhalb Stunden von "Durst" werden über 700 Menschen an verseuchtem Wasser gestorben sein. Dass auch wir etwas damit zu tun haben, illustriert Thomas Ahrens in seinem Stück für Menschen ab 9 Jahren: Die reichen Kids Pauline und Malik erfahren bei ihrem Trip durch Indien, dass das normale Wasser deshalb so verseucht ist, weil die tiefen, sauberen Brunnen ihr Wasser nur für die Textilfabriken der internationalen Modeketten liefern. Am Ende proben Pauline und Malik den Aufstand gegen ihre Eltern, die an der Wasserausbeutung beteiligt sind – was dann in einer Publikumsfragerunde zum Thema "Was können wir tun", einem kollektiven "Schließt Coca Cola!"-Ruf und einem "Wasser für alle!"-Chor mündet.

 

Zwei Jahre lang hat sich ein Team vom Grips-Theater mit dem wichtigen Thema Wasser und den globalen Zusammenhängen beschäftigt. Die Ergebnisse flossen in Ahrens Stückfassung ein, auch in den Probenprozess. Das merkt man "Durst" deutlich an. Dialoge wie aus dem Lexikon und Pappfiguren aus dem politisch korrekten Theater – die Frauen sind taff, die Männer Weicheier, die Reichen arrogant und ignorant, die indischen Diener etwas einfältig, aber herzensgut – machen die dröge Story noch unwahrscheinlicher, als sie schon ist. Man merkt ihr an jeder Wendung an, auf welche Botschaft sie hinauswill.

Da hilft nur bedingt, dass Regisseur Florian Fiedler, der früher auch am Maxim Gorki Theater inszenierte und heute das Junge Schauspiel Hannover leitet, ein paar hübsche Einfälle hatte: Wenn Malik und Pauline – sie ist da noch in Deutschland, er in Indien – miteinander skypen, heben sie die Grenze zwischen der realen Handlung vorne und der Videoprojektion momentweise auf. Schön auch die visuelle Pointe, wenn Malik fragt, was ein Nerd sein soll und sich dabei ungeschickt die Brille zurechtrückt.

Daneben aber summieren sich auf Maria-Alice Bahras Bühne – ein Sandquadrat mit Wasserkästenpodest und indischem Plastikflaschenaltar – die Klischees, aufgelockert von choreografierten Bollywood-Szenen und Protestsongs zum Mitsingen. Obwohl Fiedler auf Tempo und Action setzt, kommt selten so etwas wie Spannung auf: Von Anfang an ist klar, auf welche Konflikte der Abend hinausläuft. Für die Schauspieler bleibt da wenig Raum: Jennifer Breitrück und Florian Rummel sind aufgekratzt neunmalkluge Kids, die ziemlich bruchlos zu Kämpfern für das Gute werden, René Schubert ein leicht trotteliger Papa, der von nichts gewusst haben will. Allein Regine Seidlers Mutter trotzt ihrer Manager-Mama zwischen lässiger Autorität und zynischer Kühle ein paar Nuancen ab. Letztlich nur schade: Das komplexe und wichtige Thema hätte ein paar mehr solcher Graustufen verdient.


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