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08.04.2013

Heidelberger Stückemarkt: Totalverweigerer und Grenzegoisten

"Trilogie der Träumer" – Jan-Christoph Gockel verbindet in Bern drei Stücke von Philipp Löhle zu einem Abend

Lamas sind genügsame Tiere. Sie ernähren sich von Gräsern, Sträuchern und Flechten, tragen geduldig Lasten, geben Wolle und eignen sich wegen ihres gutmütigen Charakters für die tiergestützte Therapie. Sie sind ökologisch, alternativmedizinisch und psychologisch wertvoll, kurz: die ideale Projektionsfläche für Weltverbesserer wie Lilly, Möhrchen und Gospodin. So heißen die (Anti-)Helden in Philipp Löhles "Trilogie der Träumer", also in "Genannt Gospodin", "Die Kaperer" und "Lilly Link und die Rev…", uraufgeführt zwischen 2007 und 2008 – allesamt Querdenker in einer Welt der Pragmatiker und Desillusionierten.

Ihnen ist das große Dennoch eingeschrieben, ein kompromissloses Sich-Auflehnen gegen etwas, das viel größer ist als sie, unüberschaubar. Drei Widerständler, die sich dagegen wehren, dass ihre Ideale auf der Strecke bleiben, während um sie herum alle umkippen. Drei störrische Realitätsverweigerer, nicht unbedingt sympathisch in ihrer politisch inkorrekten Verbohrtheit, die einem dann aber doch irgendwann ans Herz wachsen, weil die Anbiederung ihrer Umgebung an den Status quo ja doch allzu feige ist. Drei Scheiternde, die mal wieder die Frage aufwerfen, ob ein richtiges Leben im falschen möglich ist – und falls ja, wie?

In Gospodin brennt ein Feuer

Einzeln waren die Trilogie-Stücke alle schon uraufgeführt und nachinszeniert (teils bis zu 60 Mal wie "Genannt Gospodin"), als Jan-Christoph Gockel damit beauftragt wurde, sie zum Auftakt der neuen Schauspielleitung in Bern zum ersten Mal an einem Abend – und zugleich als Schweizerische Erstaufführung – zu zeigen. Beide Prämissen formulierten für Gockel die Herangehensweise: Er und seine Dramaturgin Karla Mäder kürzten, nachdem sie sich von Löhle eine Carte blanche geholt hatten, die drei Stücke radikal ein, schrieben sie teilweise um und destillierten jeweils ihren Kern heraus.

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