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09.04.2013

Heidelberger Stückemarkt: Warum nicht in Zitaten leben?

"Sonnenkinder. Sternenstaub. Letzte Televisionen." – Valerie Melichar erzählt von der Liebe in Zeiten des Weltuntergangs

Da traut sich jemand was! Wer wagt es denn heute noch, für die Bühne eine Liebesgeschichte zu schreiben, wo es zwischen den Zeilen hemmungslos vibriert, wo einmal mehr die großen Gesten und Formeln erprobt werden und einem die Glückshormone bereits beim Lesen entgegenkriechen? Spider und Wolljacke warten aufs Ende wie Wladimir und Estragon auf Godot, nutzen die Zeit aber besser. Sie beteuern sich ihre Liebe, erzählen einander von ihrer Vergangenheit, schlafen miteinander, kurz: "Das Glück ist perfekt, nur die Welt ist es nicht." Die steht nämlich vor dem Untergang, das Wasser steigt, und das paradiesische Eiland, auf dem sie sitzen, wird es nicht mehr lange geben.

Aber plötzlich ist Valerie Melichars "Sonnenkinder. Sternenstaub. Letzte Televisionen." zu Ende und Spider wieder allein. Der Nebel, der von Anfang an durch das Stück – und damit über die Bühne – wabert, hat alles um ihn verschluckt, und während sich die übrigen Figuren des Stücks um ihn versammeln, ohne dass er sie wahrnimmt, philosophiert Spider über den weißen Dunst. "Der Nebel nivelliert und relativiert alles, aber erst dadurch wurde diese Liebe möglich", sagt Melichar. "Sie ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt."

"Dieses Lied, wer singt denn das?"

So bleibt auch dieses große Gefühl nur ein romantisches Zitat – wie eigentlich alles an diesem Stück, das wie eine Collage wirkt. Die drei Akte sind mit Zitaten von Tolstoi, Jules Verne und Sokrates überschrieben, die Sprache der Figuren setzt immer wieder zu Floskeln an und selbst die paradiesische Insel gibt's nicht ohne bunt zusammengewürfelte Zivilisationsabsonderungen: "Überall Ramsch, Gerümpel, Trödelkram, Geraffel", heißt es in der Regieanweisung.

Alles, wirklich alles hat es schon mal gegeben. Das weiß auch Spider, der Held: "Man muss es nur Googlen: jeder Gedanke, jede Ausrede, jede Anekdote, jedes Inneneinrichtungsaccessoire – alles schon da. Warum also nicht in Zitaten leben. Warum nicht sagen 'I'll be back', zum Abschied, oder 'It ain't me babe, no, no, no'. Ich finde das nicht schlimm." Und so besteht denn sein vorapokalyptisches Leben auch aus Pop-Zitaten, "von den Joy Division Topflappen bis hin zur ewigen Kleinschreibung, Campbell’s Tomato Soup, morgens singe ich immer 'How do you like your eggs in the morning?', so lässt es sich leben. Dieses Lied, wer singt denn das?" Wissen muss er nicht, dass es Dean Martin und Helen O'Connell waren – kann man im Zeitalter der unendlichen Datenverfügbarkeit auch später noch recherchieren, oder? Dann allerdings würde man erfahren, dass hier bereits die erste Fährte zur romantischen Liebe gelegt ist.

Lyrik als Training

Überhaupt die Songs, die Melichar genau benennt, als wären es Szenenanweisungen bei Ibsen, gipfelnd in einem YouTube-Link auf den "Llama Llama Duck Song", ein aus Versatzstücken zusammengesetzter Nonsense-Hit. Alles nur geklaut? "Für einen jungen schreibenden Menschen ist es unmöglich, etwas Originelles, nie Dagewesenes zu schaffen", sagt Melichar. "Jeder Gedanke, der für mich neu ist, lässt sich bestimmt irgendwo finden, wenn ich nur lang genug google."

"Sonnenkinder. Sternenstaub. Letzte Televisionen." ist Melichars erstes Stück. Geschrieben hat die 30-Jährige schon immer. Mit 23 ging sie für fünf Jahre nach Großbritannien und studierte dort kreatives Schreiben. Dort entstand hauptsächlich Lyrik. "Lyrik ist ein gutes Training, weil man derart präzise arbeitet, dass man auf jede Silbe achten muss", sagt Melichar. Seit zwei Jahren lebt sie wieder in Wien und schreibt nun vor allem auf Deutsch, zunehmend Prosa.

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