Archiv Referenzen

16.04.2013

Die Welt: Knallende Erkenntnismomente

Eric Assous' "Paarungen" in der Komödie am Kurfürstendamm

Wenn Ehen so funktionieren, ahnt man schnell, dass sie nicht gar so heil sind, wie sie scheinen: "Stephan, sag, dass dir auch übel wird!", zischt Katharina ihrem Mann zu, als dessen bester Freund Paul mit seiner neuen Flamme Elisa auftaucht und sich danebenbenimmt. Schließlich ist Pauls Ex-Frau noch immer eng mit Katharina befreundet. Die Trennung hat vor allem etwas mit Pauls 16-Millionen-Euro-Gewinn zu tun – damit kann sich der Küchenverkäufer nicht nur die Scheidung, sondern auch seine neue Traumfrau leisten.

Was die wiederum mit Stephan zu tun hat, und warum Katharina bei allem nicht gar so unbeteiligt an dem Beziehungswirrwarr ist, wie es scheint, erzählt Eric Assous in "Paarungen" in geschickten Rück- und Vorblenden. Bei dem französischen Autor geht es immer um die schwierigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen, wobei der frivol-französische Komödiencharme die Dinge oft angenehm in der Schwebe lässt, um dann Abgründe zu öffnen.

Die liegen im schicken Apartment von Katharina und Stephan unterm dicken Flokati-Teppich verborgen: Julia Hattstein hat in der Komödie am Kurfürstendamm elegante Holzrahmen ineinander verschachtelt wie die Beziehungsgeflechte der Figuren und darunter ein paar elegante Hocker und einen großen Strauß roter Rosen drapiert. Unterbrochen werden die Szenen von Videoprojektionen einer Berliner Straße: Wenn sie rückwärts laufen, springt die Handlung in die Vergangenheit.

So behält man leicht den Überblick, wenn Bettina Rehm ihre Schauspieler aufeinanderprallen lässt – zuerst knallen die Pointen, dann die Erkenntnismomente. Peter Pragers Paul umgibt auch nach dem Lotto-Gewinn zunächst noch die Aura des Küchenverkäufers als er glaubt, für Geld sei alles zu haben. Dass Elisa nicht nur ein hübsches Ding ist, lässt Theresa Scholze erst allmählich durchblicken, während Stephan bei Mathias Herrmann nur ein Westentaschengigolo ist. Vor allem im Gegensatz zu Katharina, deren moralische Überlegenheit sich auch dann nicht gegen sie wendet, als sie vor den Trümmern ihrer Beziehung steht, weil Katja Weitzenböck von Anfang an ein ironisches Lächeln mitspielt, ohne sich damit über die eigene Rolle zu stellen.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung