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17.04.2013

Berliner Morgenpost: Berlin als Abstiegskampf

In diesem Frühling gibt es kein Entkommen vor Hans Fallada. Wie kommt es zu dieser Renaissance an den Berliner Bühnen?

Irgendwie passt er zu uns, dieser Hans Fallada. Seine Krisenromane "Kleiner Mann – was nun?" und "Wolf unter Wölfen" lesen sich wie Analysen und Überlebensstrategien für die jüngeren Weltwirtschaftserschütterungen, sein Buch "Jeder stirbt für sich allein" über zwei Widerständler aus dem Arbeitermilieu im Dritten Reich fragt unmissverständlich: Und was tust du?

Vor allem aber passt Fallada zu Berlin: In seinen Romanen leuchtet ein Panorama dieser Stadt auf aus schrägen Typen, pulsierendem Nachtleben und mühseligem Tagtreiben, derart liebe- und lebensvoll beschrieben, dass Berlin zuweilen zur eigentlichen Hauptfigur wird. Bezeichnenderweise heißt die englische Fassung von "Jeder stirbt für sich allein" wörtlich übersetzt "Allein in Berlin".

Auch auf den Berliner Bühnen hat sich Fallada durchgesetzt: Das Maxim Gorki Theater begann das aktuelle Fallada-Hoch mit Jorinde Dröses Inszenierung von "Jeder stirbt für sich allein" 2011, am Kurfürstendammtheater stand bis vor Kurzem "Der Eiserne Gustav" mit Walter Plathe auf dem Programm.

Und wenn am 19. April 2013 im Maxim Gorki Theater die letzte Vorstellung von "Der Trinker" läuft, hat am Deutschen Theater der Roman "Wolf unter Wölfen" in der Regie von Roger Vontobel Premiere. Fallada erzählt darin von einer aus den Fugen geratenen Zeit, dem Inflationsjahr 1923 in Berlin und auf einem Landgut, von Hunger und Elend, Sorge und Not: "Und wenn du gearbeitet hast, wenn du dich geschunden hast, wenn du dir etwas erspart hast auf deine alten Tage – es ist schon alles wertlos geworden, Papier, Papier und Dreck!"

Das kleine Glück im großen Chaos

"Ich finde diese Zeit wahnsinnig aufregend", sagt Regisseur Vontobel. "Fallada hat das sehr genau und differenziert erfasst, sein Roman ist eine ungeheure Reibefläche." Zusammen mit DT-Dramaturg und Dramatiker John von Düffel hat er eine Fassung des gut 1200 Seiten umfassenden Romans entwickelt. Leicht sei ihm das nicht gefallen, sagt Vontobel: "Ich finde nicht, dass es einfach ist, das, was Fallada ausmacht, auf die Bühne zu bringen. Der Plot ist ja relativ simpel gestrickt, aber spannend sind doch die Randgeschichten und die Einblicke in die Welt und Berlin." Dort herrschten damals krasse Zustände: "Das war wie Thailand heute, da sind die Leute aus den USA und anderen Ländern zum Sextourismus nach Berlin gekommen." Falladas Dreh, immer auch das kleine Glück einzelner im großen Chaos zu zeichnen, erklärt er so: "Natürlich ist das ein bisschen kitschig, aber das ist ja eine Gegenbewegung aus der Not heraus."

Und es ist das Erfolgsrezept Falladas, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß, morphium- und alkoholabhängig war und mehrfach in geschlossenen Anstalten und im Gefängnis saß. Schon in seinem Durchbruchs-Bestseller "Kleiner Mann, was nun?" von 1931 ist das Elend des Abstiegs nur zu ertragen, weil er seinem Protagonistenpaar Pinneberg und Lämmchen immer mal wieder private Glücksinseln zugesteht und auch dem Ende einen Hoffnungsschimmer abtrotzt. "Oft wird ihm vorgeworfen, keine Lösungen anzubieten und Probleme nur aufzuzeigen", sagt Gesine Pagels vom Berliner Verlag Felix Bloch Erben, der die Bühnenrechte für Fallada-Texte vertritt. "Aber das macht ihn auch universell, auf jede Zeit neu anwendbar." Das zeige sich auch bei den vielen Zugriffen auf den Stoff.

Die Originalfassung gefunden

Es war der Roman "Kleiner Mann – was nun?", der wesentlich zur Fallada-Renaissance beitrug. Allein wie er in zwischen 2002 und 2009 in Frankreich, den USA, England und Israel zum Überraschungsbestseller avancierte, ist eine abenteuerliche Geschichte. "Dass wir bei Recherchen im eigenen Archiv unerwartet die vor der Veröffentlichung 1947 geglättete Originalfassung fanden, war ein absoluter Glücksfall." erzählt René Strien, Programmchef beim Berliner Aufbau-Verlag. Der Roman über ein Arbeiterehepaar aus Prenzlauer Berg, das 1940 nach dem Kriegstod ihres einzigen Sohnes beginnt, Karten mit Anti-Nazi-Parolen in Hausfluren abzulegen, gewann so an Unmittelbarkeit zurück, wurde rauer, gebrochener, ambivalenter. In Deutschland wurde er seitdem 300.000 Mal verkauft.

Der Erfolg machte auch die Berliner Theater auf die Fallada-Romane als Bühnenstoffe aufmerksam. Dass Falladas Romane voller packender, oft irrwitziger Szenen sind, merkte man hier allerdings zu selten. Martin Woelffer inszenierte seine Uraufführung des "Eisernen Gustav" am Kurfürstendamm als brave Sozial-Romanze zwischen Biedermeiermöbeln. Jorinde Dröse fand in "Jeder stirbt für sich allein" zwar leuchtende Karikaturen, aber auf der kargen Bühne nur selten Bilder, die in Erinnerung bleiben, etwa wenn die Quangels mühsam das zentrale Podest vollkritzeln. Sebastian Hartmann versuchte in "Der Trinker" am selben Haus, dem Alkohol- mit einem Kunstrausch zu begegnen, was aber in seinen provokativen Gesten schnell ermüdete.

Ein Hauch Menschlichkeit

Dabei ist Fallada ein dramaturgischer Erzähler, dessen Romane voller Szenen stecken. Einer, der herrliche Figuren schafft, weil er noch der absurdesten Knallcharge eine eigene Geschichte und einen Hauch Menschlichkeit zugesteht. In Berlin war das zuletzt beim Theatertreffen zu sehen, wo Luk Perceval 2010 seine Inszenierung von "Kleiner Mann – was nun?" von den Münchner Kammerspielen zeigte: Großartig, wie Pinneberg und Lämmchen von den taumelnden Bildern aus Walther Ruttmanns "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt" überflutet und verschluckt werden, während das Orchestrion melancholisch-gehetzte Töne ausspuckt, sich die übrigen Schauspieler hochnotkomisch durch die Nebenrollen zappen und den aufgedrehten Konsumschlager "Komm mit zu Möbel Hübner" anstimmen.

Auch in diesem Jahr ist Perceval mit Fallada dabei: Am 6. und 7. Mai 2013 läuft "Jeder stirbt für sich allein" vom Thalia Theater Hamburg. Das Besondere: Die Rückwand der Bühne ist mit Alltagsgegenständen wie Schuhen, Besen, Kämmen, Spielsachen und Büchern übersät. Bei genauerem Hinsehen bilden sie eine Karte. Sie zeigt Berlin.


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