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19.04.2013

Nürnberger Nachrichten: Unterhaltsames Alptraummärchen

Robert Wilson hat den Klassiker "Peter Pan" als dunkles Musical im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht

Was, wenn der Tod wirklich „ein schrecklich großes Abenteuer“ wäre? Das vermutet einmal Peter Pan in James Matthew Barries Stück von 1904 (das später als Buch zum Kinderbuchklassiker wurde). Wenn man den Stoff tiefenpsychologisch abklopft wie Robert Wilson am Berliner Ensemble, kann man durchaus darauf kommen, dass der ewige Junge, der Wendy und ihre Brüder aus London entführt, ein schöner Todesengel ist und seine Insel Neverland das Jenseits.

Das allerdings sieht bei Wilson immer wie Wilson-Theater aus: Die Wölkchen, auf denen die Kinder in erstarrten Posen fliegen, bewegen sich auf Gerüsten in Zeitlupe, die Felsen, auf denen später die Nixen posieren wie die Rheintöchter in statischen Wagner-Inszenierungen, heben und senken sich mit einer sichtbaren Maschinerie, und wenn Peter Pan und Tinkerbell am Ende tatsächlich schweben, dann sieht man deutlich die Seile, an denen sie hängen. Wohlig düster glitzert und glänzt hier alles im typischen Show-Expressionismus und gezirkelten Gesten. Sabin Tambreas Peter Pan (letztens im Kino noch „Ludwig II.“), der kindlich-kindische Herrscher über dieses zaubrische Reich, lässt neckisch die Flügelchen wackeln, wechselt in Ton und Haltung ständig zwischen naivem Jungen und aufgedrehtem Macker und tänzelt in seiner hautengen grünen Lederjacke als androgyner Star zwischen David Bowie und dem Götterboten Hermes herum.

Ihm zur Seite: die Lichtfee Tinkerbell, mit der er so brutal umspringt wie sonst allenfalls Shakespeares Prospero mit Caliban. Aus ihrer bei Barry verbürgten Eifersucht auf Wendy macht Wilson einen ziemlich fiesen Derwisch, der bei Christopher Nell als übellaunige Transe im Tutu spastisch zuckt, Elektroschocks verteilt und himmlisch singt. Denn natürlich reicht Wilson kein Weihnachtsmärchen nach, sondern zeigt ein düsteres Musical mit Kompositionen des Freakfolk-Duos CocoRosie. Ihre Nummern knüpfen an jenen Sound an, mit dem Wilson seit Jahren arbeitet: Tom Waits, Lou Reed, Rufus Wainwright und Anthony and the Johnsons. Dumpf und düstert dräut es im Graben bei den acht „Dark Angels“, dann wieder klingelt es hell, ein elektronisch orchestrales Orgeln, das in seinen besten Momenten zum Vielstimmigkeitschoral anschwillt, manchmal aber auch nur hohl dröhnt.

So entsteht ein Abend, der auf ziemlich unterhaltsame Weise den Klassiker mit seinem Disney- und Broadway-Kitsch zum schrägen Alptraum-Märchen umkrempelt. Alle hier leiden am Peter-Pan-Syndrom, also der Sucht nach der ewigen, bindungs- und verantwortungslosen Jugend – selbst Kapitän Hook, der in Peter Pan sein hassgeliebtes, junggebliebenes Alter Ego entdeckt. Aufgehoben ist die Trennung in Gut und Böse ohnehin, denn auch Wendy, Michal, John und die Lost Boys blicken grimmig aus schwarzgeschminkten Augenhöhlen. Mit diesen kleinen Teufeln ist nicht zu spaßen: Jede noch so kleine Brutalitäts-Spur wird verstärkt, statt Feenstaub gibt’s knallende Ohrfeigen, und wenn alle an einer Tafel sitzen, fressen die Jungs wie die Tiere.

Auch an Peter Pan geht sein kindischer Egotrip nicht spurlos vorbei: Immer wieder versinkt er in Melancholie, weht ihn kalt die Einsamkeit an, und wie Tambrea dann doch wieder pflichtschuldig sein Lächeln anknipst, gehört zu den starken Momenten des Abends. Zu den schwächeren gehört, dass Wilson weniger Barrys Stück inszeniert als vielmehr Motive, Bilder – oft wirken die stark gekürzten Dialoge wie notdürftige Rezitative, die wenigstens halbwegs motivieren sollen, warum jetzt schon wieder gesungen wird in atmosphärisch erstarrten Bildern und Showchoreografien. Wer die Geschichte nicht im Kopf hat, wird die logischen Brüche kaum von selbst kleistern können. Gerade zu Beginn ziehen sich die Szenen im Haus der Darlings, wo das Kindermädchen in dreifacher Ausgabe mit Hundemasken im Gesicht ums lustige Lämmchen-Bett tanzt und sich Wendys Eltern im Krawatten-Slapstick verheddern.

Die bekommen am Ende ihr Fett weg. Denn wer ist Schuld, dass in unserer Peter-Pan-Gesellschaft die Kinder nicht erwachsen werden (wollen)? „Die Mama“ wird, da gerappt – sie hat sich nicht genug gekümmert. Mit dem Todesmotiv, dass im finalen Wiedersehenstaumel besungen wird, hat das nicht viel zu tun. Aber wenn man nicht so genau hinhört, klingt es einfach wie eine gute Musicalnummer.


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