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24.09.2009

AZ Nürnberg: Ein hartnäckiges Kerlchen

Die neue Erlanger Intendantin über erste Premieren, Pläne und Großraum-Rücksichten.

Als sich Katja Ott, bis zum Sommer noch Schauspiel-Chefin in Braunschweig, um die Intendanz des Theaters Erlangen bewarb, wusste sie noch nichts von dessen finanzieller und personellen Ausstattung. Am 1. Oktober beginnt ihre erste Spielzeit im Markgrafentheater mit Goethes „Faust“, am Abend darauf folgt in der Garage Holger Schobers „Clyde und Bonnie“.

AZ: Frau Ott, „Faust“ mit sechs Schauspielern — kann das mehr sein als eine Sparversion?

KATJA OTT: Ja. Dass der „Faust“ jetzt so aussieht, ist konzeptionell gewünscht. Wenn unser Regisseur Mario Portmann gesagt hätte, er braucht noch zwei Schauspieler, dann hätten wir sie ihm organisiert.

Aber so kann doch kaum mehr als die Gretchentragödie übrigbleiben.

Da bleibt viel mehr übrig, weil den Regisseur viel mehr interessiert. Ich kenne Portmann als sensiblen Denker und großen Geschichtenerzähler. Das Stück findet statt, aber er hat einen eigenen Zugriff auf den Fauststoff, was man schon daran sieht, dass einer der zwei Gäste Sängerin am Münchner Gärtnerplatztheater ist.

Sind „Faust“ und „Clyde und Bonnie“ programmatisch für Ihre erste Spielzeit?

Nur insofern, als wir ein breites Spektrum wollen. Klar war auch, dass wir zur Eröffnung einen Klassiker wollten und in der Garage zeitgenössische Dramatik.

Dort sind keine Uraufführungen geplant. Warum?

Eine Uraufführung sollte zu Erlangen passen. Und es war schon in Braunschweig schwierig, gute neue Stücke zu bekommen. Man muss ein Stück auch besetzen können. Den Zuschlag kriegt immer der bessere Text. „Kaspar Häuser Meer“ etwa hat ein hervorragendes künstlerisches Team und erste Schauspieler, da konkurrieren wir mit jedem.

13 Premieren für ein kleines Theater wie Erlangen — ist das Größenwahn?

Ja, klar. Aber wir haben auch gut geplant. Es darf nur keiner krank werden. Wir wollen so viel wie möglich machen, um ein Repertoire aufzubauen.

Ist ein echtes Repertoire bei sieben Schauspielern überhaupt möglich oder läuft es nicht doch auf Aufführungsblöcke hinaus?

Bei guter Planung ist das schon möglich. „Faust“ spielen wir bis März etwa zwei Mal im Monat, dann aber hintereinander. Anders wäre das nicht möglich: Wir haben neben dem Bühnenmeister fünf Techniker. Da brauchen wir für jeden Umbau einen Tag.

Auf Ihrer Einstands-Pressekonferenz im April haben Sie auf den Vorwurf von Doppelungen im Großraum eingewendet, dass Sie kein Theater für die Region, sondern für die Stadt machen.

Das wurde mir seitdem auch um die Ohren gehauen. Natürlich macht man Theater immer für die Stadt und die Region. Aber wenn wir ehrlich sind: Wie viele Nürnberger kommen für ein Stück nach Erlangen? Ich will auch nicht mit den Theatern in Nürnberg oder Fürth in Konkurrenz treten. Ich möchte, dass die Erlanger uns als ihr Theater verstehen. Dass es bis vor kurzem „Männer“ auch Nürnberg gegeben hat, finde ich nicht so dramatisch. Wer das dort toll fand, kommt auch zu uns.

Zum Einstand hat Ihnen der Stadtrat eine Etatkürzung von drei Prozent serviert, der Finanzreferent gilt als Betonkopf. Und nun?

Ach, ich bin ein hartnäckiges Kerlchen. Natürlich habe ich mich über die Kürzung nicht gefreut, gerade weil ich schon vorher gesagt habe, dass wir zu wenig Geld haben. Und natürlich sind wir noch weit davon entfernt, von der Struktur her ein richtiges Stadttheater zu sein. Aber alle Intendanten vor mir haben daran gebastelt, und nichts anderes tue ich auch. Ich muss beim Stadtrat Aufklärungsarbeit leisten, was das Theater, das wir hier machen, kostet, auch an Zumutungen, bei der Personaldecke. Die sollen auch das Gefühl bekommen: Das ist unser Theater!


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