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02.05.2013

zitty: Auf Augenhöhe

Die Einladung des "Disabled Theater" zum Theatertreffen zeigt, dass Theater mit geistig behinderten Schauspielern eine neue Reife erreicht hat

Das war dann doch eine Überraschung: Bei der Auswahl des diesjährigen Theatertreffens ist Jérôme Bels "Disabled Theater" zwischen lauter Stadttheaterarbeiten bekannter Regisseure die einzige freie Produktion. Noch bemerkenswerter: Auf der Bühne stehen geistig beeinträchtigte Schauspieler des Zürcher Theater HORA, die so gar nicht der Normalität auf deutschsprachigen Bühnen entsprechen. Dennoch haben sie beim Theaterfestival in Avignon gespielt, auf der documenta 13 in Kassel und im koproduzierenden HAU, reisen nach Budapest, Milano, Seoul, Amsterdam, Wien, Warschau, Paris.

Ein Erfolg, der einen Trend zur Inklusion widerspiegelt, gerade in der Freien Szene. Der Inklusionsgedanke will, dass "normale" und "geistig behinderte" Menschen auf Augenhöhe zusammen lernen und arbeiten. Die Berliner Theatergruppen RambaZamba und Thikwa praktizieren das seit ihrer Gründung 1990: Geistig behinderte Schauspieler erhalten dort eine Ausbildung und eine Vergütung, stehen mit nicht-behinderten Künstlern auf einer Bühne, gastieren bei anderen Film- und Theaterprojekten.

Obwohl es den meisten dieser Ensembles von Anfang an um künstlerischen Ausdruck und nicht um therapeutische Wirkungen ging, obwohl Regisseure wie Heiner Müller, Frank Castorf und Claus Peymann etwa in RambaZamba-Aufführungen gesichtet wurden, landeten ihre Produktionen in der öffentlichen Wahrnehmung lange in der sozialen Ecke. Erst Christoph Schlingensief holte Darsteller wie Mario Garzaner, Achim von Paczensky und Kerstin Grassmann auf die Stadttheaterbühnen (und über diesen Umweg auch schon zum Theatertreffen).

Seitdem arbeiten immer mehr renommierte Theatermacher mit geistig behinderten Schauspielern zusammen. Frank Krug besetzte seine gleich mehrere Grenzen sprengende Musiktheaterarbeit "Lilith's Return" 2011 im Radialsystem V mit drei RambaZamba-Schauspielerinnen, um eine Figur zu zeigen, die nicht ins Muster passt. Frank Abt erarbeitete in Franz Xaver Kroetz’ "Stallerhof" an den DT-Kammerspielen im Februar 2013 die Hauptrolle mit Thikwa-Schauspielerin Mereika Schulz – und fügte mit Thorsten Hierse einen Erzähler ein, der mit ihr zusammen die Beppi live auf die der Bühne entwickelt, behutsam, zärtlich, und so jeden Schockrealismus vermeidet.

Längst geht es bei diesen Projekten nämlich nicht mehr darum, geistig behinderte Schauspieler dazu zu bringen, per Einfühlung Rollen zu verkörpern – eine Konstruktion, die zunehmend fragwürdig erscheint. Dass Jérôme Bels "Disabled Theater" so beeindruckt, liegt ja auch daran, dass seine HORA-Performer so privat, so verletzlich wirken – und dabei durch ihre Präsenz, ihre Blicke das eigene Weltbild infrage stellen. Wer schaut hier eigentlich wen an? Sind wir Voyeure, die die Darsteller mit unserem Starren zu Objekten machen? Oder bringen sie mit ihrem Zurückstarren unsere stabile Zweiteilung von uns und denen durcheinander?

Schließlich handelt es sich um ausgebildete Performer, die im Wesentlichen zwischen Selbst und Rolle zu unterscheiden wissen. Beim ersten Sehen von "Disabled Theater" zuckt man zusammen, wenn eine Schauspielerin weint bei ihrer Aussage, dass ihre Behinderung ihr weh tut. Beim zweiten Mal merkt man, dass da jemand in der Lage ist, diese Tränen zu reproduzieren – Ulrich Matthes kann's auch nicht schöner.

Gerade weil die Schauspieler hier so privat wirken, gehen sie uns an die Nieren. Dass sich beim Betrachten auch Protest regt – darf man das? ist das nicht eine Art Vergewaltigung? – liegt auch daran, dass man gewohnt ist, anders begabte Menschen zu unterschätzen. Damit arbeitet auch das Performance-Kollektiv Monster Truck in "Dschingis Khan", einer Koproduktion mit Thikwa und den Sophiensaelen. Der Abend stellt seine Protagonisten zunächst provokativ in einer Art Völkerschauparodie aus, um sie dann scheinbar revoltieren und ihre eigene Anarcho-Show abziehen zu lassen. Das verstört, hinterfragt alle Seh- und Denkgewohnheiten.

Als wohlmeinendes Betroffenheitspublikum brauchen uns die geistig behinderten Schauspieler längst nicht mehr. Aber wir brauchen sie – weil kaum jemand unsere scheinheiligen Selbstkonstruktionen derart lustvoll einzureißen vermag.


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