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10.05.2013

nachtkritik.de: Mit Kunstkacke und Intendantensperrrrrma

"12-Spartenhaus" – In der zweiten Vorstellung öffnen Vinge/Müller die heiligen Puppenhaushallen

Zurück im 12-Spartenhaus, bei der zweiten Vorstellung, knapp eine Woche nach der Premiere. Und als man längst nicht mehr dran glaubt, da öffnen sich sechseinhalb Stunden nach Beginn die Türen. Plötzlich stehen alle, die bis halb Eins ausgeharrt haben, in den psychedelisch bunt mit Biedermeiermustern bemalten Korridoren, die man bislang nur aus einem Fensterchen und vielen Filmsequenzen kannte und blickt in all die herrlichen Räume des "12-Spartenhauses": ein Redaktionskraftwerk, ein Operations-Laboratorium, U-Boot-Gänge, allesamt bevölkert mit jenen Puppenkopf-Zombies, die man noch von John Gabriel Borkmankennt. Und natürlich: das opulente Theater, dessen Bankreihen für diesmal noch vereinzelt mit monsterhaften Gestalten besetzt sind.

Es ist eine erste Einlösung des Premierenversprechens vom vergangenen Wochenende. Da blieben Tür und Tor vernagelt (siehe hier), lagerte das Publikum in den Foyerräumen, starrte es auf die drei Leinwände, über die es nur wenige Einblicke ins Innere erhielt. Auch heute sind diese Geisterbahnhallen zwischen verschlossenem Treppenaufgang, Kasse und kleinem Durchblick in einen OP-Saal unser Ort, und die Spuren, mit denen wir geködert werden, stammen noch deutlicher aus Henrik Ibsens "Ein Volksfeind".

Was aber treibt der im Theater? Nach und nach mischen sich die Kamera-Erkundungsbilder aus dem Inneren des Puppenhaus-Heiligtums mit den wenigen Live-Eindrücken aus dem Wartesaal. Drinnen saugt eine schwarze Putzfrau vor Garderobe und Kantine, singt ein Tenor im Musikzimmer schmerzlich sich in die Höhe schraubende Tonleitern, zittert ein Kindskopf mit riesigem "Regiekonzept" unterm Arm vor der Intendantentür und plärrt dort in Endlosschleife: "Vaaaaterrrrr, Vaaaaaterrrr..."

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